20.06.2022 - 16:00 Uhr

Funsport-Branche und Surf Shops vor großen Herausforderungen

Der Aufstieg des Wingfoilens – ein neuer Umsatz-Push?

 
Quelle: Pixabay.com

Im Sommer 2020 noch sah es aus, als stünden der Surf-Industrie rosige Zeiten bevor: Gerade erst hatte die Surflegende Robby Naish das Wingsurfen wiederentdeckt und auf Hydrofoil-Boards neues Leben eingehaucht. Auch Branchenprimus Duotone startete durch mit gleich zwei Modellreihen an Wingfoils. Das Interesse war riesig und das potentielle Wachstum schien schier unaufhaltsam. Auch Bodyboarding, Kitesurfen, SUP und Windsurfen erlebten eine Renaissance.

Der erste Schock: Covid-19

Doch dann kam die Covid-19-Pandemie und schüttelte die globalen Lieferketten durcheinander: Lockdowns sorgten für massive Produktionsverzögerungen und Kostensteigerungen, während gleichzeitig die Seefracht-Raten explodierten. Damit sprangen die Transport-Stückkosten für sperrige und großvolumige Ware wie Windsurf-Equipment oder SUP Boards heftig an. Die Distributoren der Branche mussten nicht mehr verkaufen, sondern nur noch den Mangel verwalten und Ware zuteilen. An Rabatte war gar nicht zu denken, und auch eine Teilnahme an einschlägige Sonderverkaufsaktionen wie dem "Black Friday" war angesichts von geringen Margen und der schlechten Verfügbarkeit von Waren kaum zu denken. "Die Händler konnten froh sein, nach unzähligen Lieferverzögerungen überhaupt mal einen kleinen Teil der vorgeorderten Waren zu erhalten", berichtet Lina Middendorf von Surf Shop W7. Vor allem auch Läden mit einem starken stationären Handel hatten ein doppeltes Problem: Wiederholte Lockdowns in Deutschland und komplizierte Hygiene-Auflagen behinderten oder verhinderten sogar das lokale Retail Business für die Händler im Inland, während hingegen Online-Shops von einer teilweisen Verlagerung der Nachfrage in das Internet profitierten. Auch Ladenlokale an den deutschen Spots, die einen größeren Zustrom inländischer Touristen verzeichneten konnten teils profitieren. Doch insgesamt war die Umsatz-Bilanz aus dem ersten Corona-Jahr wenig zufriedenstellend, und auch die Corona-Nothilfen des Bundes konnten daran wenig ändern.

Die Lehre aus Corona: Wer nichts selbst auf Lager hat, kann auch nichts verkaufen

Als sich zum Sommer 2021 die Corona-Lage lockerte, wurde für viele Händler deutlich, dass sie sich nicht mehr wie zuvor darauf verlassen konnten, verkaufte Ware Just-in-Time von den Distributoren zu beziehen, da die Lager leergekauft waren: Nach der großen Verunsicherung durch die Anfänge der Pandemie hatten viele Unternehmen ihre Bestellvolumen zur Risikoreduzierung gekürzt und wurden nun überrascht von der schlagartig anziehenden Nachfrage. Wehe dem Surfshop, der sich nicht ausreichend mit Ware eingedeckt hatte und vom eigenen Lager aus liefern konnte. Aus dem vorherigen Preiswettbewerb wurde plötzlich ein Mengenwettbewerb, an dem einige Anbieter scheiterten und das Geschäft aufgeben mussten. Um dieser Ausnahmesituation vorzubeugen, wurden in der Funsport-Branche nie dagewesene Vorordern für das kommende Jahr geschrieben, und die Auftragsbücher der Großhändler waren randvoll. Man bereitete sich auf das große Comeback der Branche vor und rechnete auch angesichts des anziehenden Tourismus mit massiven Nachholeffekten bei den Konsumentenkäufen. Und dann kam Wladimir Putin…

Der zweite Schock: Was Russlands Angriffskrieg mit dem Sport- und Freizeitgeschäft macht

Mit randvollen Lagern starteten die Sportgeschäfte in die neue Saison 2022. Diese lief in den ersten beiden Monaten erwartungsgemäß ruhig an: Bodyboards, Longboards und Surf-Equipment werden bei Schnee schließlich nicht benötigt. Zum Saisonauftakt erreichte die westliche Welt dann die Keule des russischen Angriffskriegs: In ihrer Konsumtätigkeit wie gelähmt verharrten die Funsportler europaweit in Schockstarre und beäugten besorgt das verbale Säbelrasseln mit atomaren Drohungen.

Der dritte Schock: Das Gespenst der Inflation und die steigenden Zinsen

Eng verbunden mit der geopolitischen Krise in Osteuropa ist die explodierende Inflation im EURO-Raum, aber auch in den Vereinigten Staaten. Denn die Abhängigkeit von russischem Gas und Öl ist so groß und der Wille Russlands, den Westen damit zu erpressen, so fest, dass die Energiepreise explodieren. Dies hat entweder mittelbar oder unmittelbar Einfluss auf alle Preise, denn die Kostensteigerungen müssen von den Unternehmen auf die Preise umgelegt werden. Was die Regierungspolitiker verschweigen: Nicht nur der Russe macht den Geldbeutel der privaten Haushalte kleiner – auch die kostspielige Energiewende in Deutschland sowie die hohen Kosten des "Green Deal" der Europäischen Union machen Energie teurer. Den aber wohl größten Beitrag zur Inflation leistete sicherlich die ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank der letzten 12 Jahre, die keine Gelegenheit ausgelassen hat, die Geldmenge auszuweiten. So stand eine gleichbleibende Warenmenge eine immer größer werdende Geldmenge gegenüber. Das Ergebnis kennt jeder aus dem Lehrbuch und aus der eigenen Erfahrung: Die Preise steigen, die Kaufkraft lässt nach.

Was hat der Wassersporthandel mit Inflation und energieintensiver Industrie zu tun?

Ähnlich wie der Surfbranche dürften auch weitere Konsumgüterindustrien gehen, die Luxus-, Elektronik- und Freizeitartikel vertreiben. Denn angesichts der Verunsicherungen durch die hohe Inflation, durch die Sorge über konjunkturelle und damit arbeitsmarkttechnische Auswirkungen der Zinsanhebungen der Zentralbanken und durch die geopolitische und militärische Fragilität dürften Konsumenten auch innerhalb der nächsten zwei Quartale noch nicht nötige Konsumausgaben in die Zukunft verschieben oder ganz streichen. Das bedeutet, selbst nicht-energieintensive Branchen werden durch die Konsumschwäche, die aus der allgemeinen Verunsicherung resultiert, in Mitleidenschaft gezogen. Dies spiegelt sich auch in der Einzelhandelsstatistik des Statistischen Bundesamtes wider.

Drei wirtschaftliche Schocks – Ist das das Ende einer ganzen Industrie?

Das ist sicherlich eine übertriebene These. Dass es aber auch im Surfmarkt noch zu heftigen Verwerfungen kommen wird, ist unstrittig und nur eine Frage der Zeit. Besonders Händler, die im Herbst 2021 mit ihren Vorordern "All In" gegangen sind und rekordverdächtige Lagerbestände aufgebaut haben, die womöglich sogar finanziert sind, werden angesichts des schwachen Nachfrage-Umfelds Schwierigkeiten haben, ihre Fixkosten für Gehälter und Mieten zu decken. Doch wer diese Triple-Schock-Serie überstanden haben wird, wird gestärkt in die Zukunft gehen.

Die positive Nachricht für alle Surfer: "Die Preisexplosionen im Freizeitbereich dürften angesichts der vollen Lager nicht von Dauer sein, so dass auch Wassersport wieder etwas erschwinglicher werden dürfte. Ebenso könnte es mit einer Normalisierung der Lieferketten auch künftig bald wieder preisreduzierte Vorsaison-Ware geben", meint der Branchenkenner Jürgen Dorstfeld.

Doch letztlich bleibt die wirtschaftliche Entwicklung stark abhängig davon, wann und wie sich die russischen Aggressionen gegenüber der Ukraine und dem Westen beilegen lassen. Klar ist jedenfalls: Es braucht mit absoluter Sicherheit mehr als ein Virus, Inflation und einen Krieg in der Nachbarschaft, um Wings, Surfboards & Bodyboards dauerhaft von europäischen Stränden und Seen zu vertreiben.