ZEW-Analyse sieht EZB vor nächster Zinserhöhung, warnt aber vor zu hohen Markterwartungen

02.09.26 20:07 Uhr, dts-nachrichtenagentur.de

Eine KI-gestützte Auswertung des ZEW zu den Reden der EZB-Notenbanker sieht eine Anhebung des Leitzinses in der kommenden Woche als klar vorbereitet. Zugleich deutet der sogenannte Momentum-Indikator auf schwindende Geschlossenheit im Rat bei weiteren schnellen Zinserhöhungen.

EZB (Archiv)
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via dts Nachrichtenagentur

Die Europäische Zentralbank steuert nach einer KI-gestützten Analyse des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) auf eine Zinserhöhung in der kommenden Woche zu. Die Auswertung aller jüngsten Reden der Notenbanker signalisiert demnach eine Anhebung des Leitzinses von 2,25 auf 2,5 Prozent.ZEW sieht Vorbereitung auf nächste ZinserhöhungDas Forschungsinstitut ZEW hat für seine Untersuchung die öffentlichen Wortbeiträge der 27 Mitglieder des EZB-Rats mit Methoden der Künstlichen Intelligenz ausgewertet.

Vor dem Hintergrund anhaltend hoher Energiepreise und positiver Konjunkturaussichten sei eine weitere Straffung der Geldpolitik aus Sicht des Instituts klar vorbereitet, heißt es.

ZEW-Finanzexperte Friedrich Heinemann verweist darauf, dass die Analyse die verbreitete Erwartung einer unmittelbar bevorstehenden Anhebung stützt.Gleichzeitig weckt die Studie Zweifel an der unter vielen Marktteilnehmern verbreiteten Annahme, wonach bis zum Jahresende weitere Zinsschritte fast sicher seien.

Nach Einschätzung Heinemanns ist es „nicht so selbstverständlich“, dass der EZB-Rat zu weiteren, raschen Zinserhöhungen entschlossen bleibt.Momentum-Indikator zeigt schwindende GeschlossenheitKernstück der Untersuchung ist ein sogenannter Momentum-Indikator, der aus den Inhalten und Tonlagen der Reden berechnet wird. Der aktuelle Momentum-Score liegt dem ZEW zufolge weiterhin deutlich in einem Bereich, der grundsätzlich steigende Zinsen signalisiert. Die Einigkeit der 27 Notenbanker wird damit als noch relativ hoch bewertet.Allerdings zeigt der Indikator auch, dass diese Geschlossenheit beginnt zu bröckeln. Aus den Redebeiträgen lasse sich ablesen, dass die monatelange Dominanz der „Falken“, also der Befürworter eines eher hohen Zinsniveaus, schwindet.

Der Gesamtwert des Momentum-Scores ist seit dem Frühjahr etwas gefallen.Abschwächung im Vergleich zu 2022Deutlich ist vor allem der Unterschied zur zweiten Jahreshälfte 2022, als die EZB den Leitzins in schneller Folge bis auf 4,0 Prozent anhob. Damals lag der Momentum-Score in einem Bereich, der sehr klar für weitere kräftige Schritte sprach. Die aktuelle Analyse sieht die EZB zwar weiter auf einem Kurs moderater Straffung, aber nicht mehr mit der gleichen Intensität wie im vergangenen Jahr.Damit deutet die KI-gestützte Auswertung darauf hin, dass der Rat der Europäischen Zentralbank stärker abwägt, wie viele weitere Schritte nötig und vertretbar sind. Für die Märkte bedeutet dies eine Bestätigung der kurzfristigen Zinserhöhungserwartung, verbunden mit größerer Unsicherheit über den Pfad bis zum Jahresende.
Die Analyse des ZEW setzt unmittelbar an den Erwartungen für die nächste Sitzung des EZB-Rats an, bei der eine Anhebung des zentralen Leitzinses von 2,25 auf 2,50 Prozent als wahrscheinlich gilt. Sie stützt diese kurzfristige Marktauffassung im Kern, weist aber zugleich darauf hin, dass die Signale aus den öffentlichen Reden der Notenbanker weniger geschlossen sind, als viele Investoren unterstellen.Hintergrund: Zinspfad nach kräftigen AnhebungenIn der zweiten Jahreshälfte 2022 hatte die Europäische Zentralbank den Leitzins in mehreren Schritten bis auf 4,0 Prozent erhöht, um auf die stark gestiegene Inflation und insbesondere die hohen Energiepreise zu reagieren.

Die damals sehr klare Ausrichtung auf einen restriktiven Kurs spiegelte sich auch im hohen Momentum-Score wider, der aus den Wortbeiträgen der Ratsmitglieder abgeleitet wurde. Vor diesem Hintergrund markiert die aktuelle Analyse einen Übergang von einer Phase sehr deutlicher Straffung zu einer vorsichtigeren Kalibrierung der Geldpolitik.Der Hinweis auf weiterhin erhöhte Energiepreise und robuste Konjunkturaussichten zeigt, dass die Inflationsrisiken aus Sicht des ZEW noch nicht überwunden sind. Zugleich macht der im Jahresverlauf etwas gesunkene Momentum-Score deutlich, dass innerhalb des Rats die monatelange Dominanz der sogenannten Falken nachlässt. Damit wandert die Frage nach dem weiteren Zinspfad stärker in den Bereich datenabhängiger, schrittweiser Entscheidungen statt automatischer Fortsetzung des bisherigen Kurses.Bedeutung für Märkte und WirtschaftFür Finanzmärkte ist die Aussage wichtiger als eine reine Zinssignal-Prognose: Sie deutet darauf hin, dass kurzfristig zwar noch mit einer weiteren Anhebung gerechnet werden muss, der Spielraum für schnelle weitere Schritte aber kleiner wird. Unternehmen und private Haushalte müssen sich damit auf anhaltend höhere Finanzierungskosten einstellen, zugleich könnten die Risiken einer Überstraffung etwas sinken, wenn sich innerhalb des Rats ausgewogenere Positionen durchsetzen.

Die Analyse unterstreicht, dass neben Energiepreisen und Konjunktur zunehmend auch interne Meinungsverschiebungen in der Notenbank die Erwartungen an den künftigen Kurs prägen.

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