Wolfgang Ischinger warnt vor gefährlichstem Herbst seit Ukraine-Krieg
22.09.26 08:58 Uhr, dts-nachrichtenagentur.de
Der frühere Chef der Münchner Sicherheitskonferenz sieht Europas Sicherheit durch die politische Instabilität in Deutschland zusätzlich belastet. Besonders die abgesagte Reise des Kanzlers zur UN-Generalversammlung bewertet er als problematisches Signal.
via dts Nachrichtenagentur
Der frühere Spitzendiplomat Wolfgang Ischinger warnt vor den Folgen der deutschen Regierungskrise für Europa und erwartet den bislang gefährlichsten Herbst seit dem russischen Angriff auf die Ukraine vor viereinhalb Jahren.
Die Debatte über eine Ablösung von Bundeskanzler Friedrich Merz verheiße „nichts Gutes“, sagte Ischinger dem „Handelsblatt“.Warnung vor geschwächter AbschreckungDie Sicherheit Europas sei in einer Weise bedroht, „wie wir das seit den Zeiten des Kalten Kriegs nicht mehr kennen“, sagte Ischinger. Deutschland spiele als „Stabilitätsfaktor für Europa“ eine außerordentlich wichtige Rolle: „Deutschland darf nicht wackeln“, mahnte der langjährige Chef der Münchner Sicherheitskonferenz.Ischinger befürchtet, dass Europas Abschreckungskraft gegenüber Russland derzeit geschwächt ist. Im Kreml könne der Eindruck entstehen, es bilde sich ein Zeitfenster für eine Schwächephase, die Russland nicht nur für Desinformation, sondern auch für militärische Drohungen und Nadelstiche nutzen könnte.Kritik an abgesagter UN-ReiseDie Absage von Merz’ Reise zur Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York hält Ischinger für ein falsches Zeichen.
Der Kanzler sollte seiner Einschätzung nach gegen Ende der Woche oder in der folgenden Woche doch noch nach New York reisen.Damit müsse Merz zeigen, dass Deutschland nicht so stark von innenpolitischen Krisen zerrüttet sei, dass es auf internationaler Ebene ausfalle. Die Generaldebatte der 81. UN-Generalversammlung beginnt am 22. September.
Wolfgang Ischingers Warnung fällt in eine Phase, in der die deutsche Innenpolitik und die europäische Sicherheitslage eng miteinander verknüpft sind. Nach den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern steht die Bundesregierung unter erheblichem politischen Druck. Der Bundeskanzler hat zugleich seine geplante Teilnahme an der 81. Generalversammlung der Vereinten Nationen abgesagt; Deutschland wird in New York durch mehrere Bundesminister vertreten.Die internationale Tagesordnung erhöht die Bedeutung dieser Entscheidung.
Bei der UN-Generalversammlung stehen neben dem Krieg in der Ukraine auch die Konflikte im Nahen Osten, der Sudan, Klimapolitik, Entwicklungsfinanzierung und die Reform internationaler Institutionen im Mittelpunkt. Rund 130 Staats- und Regierungschefs werden in New York erwartet.
Damit ist das Treffen nicht nur ein diplomatisches Forum, sondern auch ein sichtbares Signal für außenpolitische Präsenz und Verlässlichkeit.Sicherheitspolitische BedeutungIschingers Bezug auf Abschreckung zielt auf ein strukturelles Problem: Europas Handlungsfähigkeit hängt nicht allein von militärischen Fähigkeiten ab, sondern auch von politischer Geschlossenheit und glaubwürdiger Kommunikation. Eine Regierungskrise kann deshalb über Berlin hinaus wahrgenommen werden, selbst wenn konkrete außen- oder sicherheitspolitische Entscheidungen zunächst unverändert bleiben.Für die kommenden Wochen bedeutet das, dass innenpolitische Stabilisierung und internationale Präsenz parallel organisiert werden müssen.
Deutschland bleibt bei der UN vertreten; zugleich steht die Frage im Raum, wie geschlossen die Bundesregierung in einer angespannten Sicherheitslage auftreten kann.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene FragenFrankfurter Rundschau: „Merz fehlt erneut bei UN-Generalversammlung in New York“ (21.09.2026)Der Artikel bestätigt die Absage der geplanten Reise und hebt hervor, dass Deutschland damit zum zweiten Mal in Folge ohne den Bundeskanzler bei der hochrangigen UN-Woche vertreten ist. Anders als Ischinger richtet sich der Schwerpunkt auf die diplomatische Präsenz Deutschlands und die zahlreichen internationalen Themen der Generalversammlung.taz: „81. UN-Generalversammlung in New York: Kriege und KI im Fokus des UN-Gipfels“ (21.09.2026)Die taz ordnet die UN-Woche in die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine sowie in die Debatte über künstliche Intelligenz ein. Sie verweist ebenfalls auf Merz’ Absage, betont aber stärker die begrenzten Erwartungen an konkrete Durchbrüche bei dem Gipfel. Übereinstimmend bleibt Deutschland trotz der fehlenden Kanzlerpräsenz international vertreten; offen ist, welche politische Wirkung die Absage langfristig entfaltet.Beide Beiträge bestätigen den außenpolitischen Kontext der Meldung.
Unterschiede bestehen vor allem beim Schwerpunkt: Während die Frankfurter Rundschau die deutsche Repräsentation betrachtet, rückt die taz die globale Krisenagenda und die begrenzte Handlungsfähigkeit der UN in den Vordergrund.