Studie: Mehr Vollzeit könnte Personalmangel im öffentlichen Dienst stark mindern

heute 12:58 Uhr, dts-nachrichtenagentur.de

Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, dass der Personalmangel im öffentlichen Dienst rechnerisch weitgehend durch mehr Vollzeitarbeit ausgeglichen werden könnte. Besonders groß sind die Potenziale in Kitas, Schulen und einigen westdeutschen Bundesländern.

Rathaus (Archiv)
Rathaus (Archiv)
via dts Nachrichtenagentur

Der Personalmangel im öffentlichen Dienst könnte nach einer neuen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) rechnerisch nahezu vollständig durch eine stärkere Vollzeitarbeit ausgeglichen werden.

Grundlage der Untersuchung ist die Personalstatistik des Statistischen Bundesamts.Rechnerisches Potenzial im öffentlichen DienstWürden alle Teilzeitbeschäftigten in Bund, Ländern und Kommunen auf Vollzeit wechseln, ergäben sich laut IW 634.000 zusätzliche Vollzeitäquivalente. Der Beamtenbund beziffert den Personalmangel im Staatsdienst derzeit auf 631.000 offene Stellen, sodass die theoretische Reserve das Defizit fast vollständig abdecken könnte.Die Studienautoren betonen jedoch, dass ein vollständiger Wechsel aller Teilzeitkräfte auf Vollzeit als unwahrscheinlich gilt. Selbst wenn lediglich alle Bundesländer das Arbeitszeitniveau von Sachsen-Anhalt erreichten, dem Bundesland mit der höchsten durchschnittlichen Arbeitszeit im öffentlichen Dienst, könnten demnach immer noch knapp 300.000 zusätzliche Vollzeitstellen entstehen.Besonders hohe Reserven in Kitas und SchulenBesonders deutlich werden die Potenziale in der Kinderbetreuung und im Schulbereich. In Kitas arbeiten viele Beschäftigte in Teilzeit, während der Bedarf an Fachkräften besonders groß ist. Nach Berechnungen des IW würde das Arbeitsvolumen um rund 25 Prozent steigen, wenn alle Teilzeitkräfte in Kitas auf Vollzeit wechseln würden.Dies entspräche fast 55.000 zusätzlichen Erzieherstellen. In Schulen könnte eine vollständige Aufstockung der Teilzeitstellen das Arbeitsvolumen um knapp 20 Prozent erhöhen, was sich in etwa 153.000 zusätzlichen Vollzeitstellen für Lehrkräfte niederschlagen würde.Unterschiede zwischen den BundesländernDie Studie weist zudem erhebliche regionale Unterschiede aus. In Bundesländern mit hoher Kaufkraft sind auch die Reserven durch Teilzeitarbeit im öffentlichen Dienst besonders groß. So könnte das Arbeitsvolumen in Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz rechnerisch um 19 bis 21 Prozent steigen, wenn alle Teilzeitkräfte ihre Arbeitszeit auf Vollzeit erhöhen würden.In Niedersachsen und Schleswig-Holstein liegt das Potenzial mit knapp 16 Prozent leicht über dem Bundesdurchschnitt. Deutlich geringer fällt die Reserve in den neuen Bundesländern aus: In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern beträgt sie nach Angaben des IW nur rund acht Prozent.Traditionelle Unterschiede bei Kinderbetreuung und ErwerbstätigkeitAls eine Ursache für die geringere Reserve im Osten nennen die Autoren die traditionell besser ausgebaute Kinderbetreuung. In den ostdeutschen Bundesländern arbeiten seit langem mehr Frauen in Vollzeit, wodurch der Spielraum für zusätzliche Arbeitszeit geringer ausfällt.Die Studie macht damit sichtbar, dass die Beseitigung des Personalmangels im öffentlichen Dienst nicht allein an zusätzlichen Einstellungen hängt, sondern auch an der Frage, wie Arbeitszeitmodelle gestaltet sind und welche Rahmenbedingungen Vollzeitarbeit für Beschäftigte attraktiv und machbar machen.
Die Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft lenkt den Blick auf ein strukturelles Problem: Der Personalmangel im öffentlichen Dienst ist nicht nur eine Frage fehlender Bewerber, sondern auch eine Folge der verbreiteten Teilzeitbeschäftigung.

Zugleich macht sie deutlich, dass im System selbst erhebliche Arbeitszeitreserven schlummern, die theoretisch zur Entlastung beitragen könnten.Struktureller Fachkräftemangel und TeilzeitmusterSeit Jahren wird aus Verwaltungen, Schulen und Kitas über Engpässe beim Personal berichtet.

Viele Beschäftigte arbeiten aus familiären, gesundheitlichen oder persönlichen Gründen in Teilzeit, was insbesondere in sozialen und pädagogischen Berufen stark ausgeprägt ist. Die IW-Auswertung zeigt nun, dass eine Umstellung auf Vollzeit rechnerisch große Teile des Mangels ausgleichen könnte, ohne dass zusätzliche Köpfe eingestellt werden müssten.Gleichzeitig verweist die Studie darauf, dass eine vollständige Aufstockung unrealistisch ist. Die Entscheidung für Teilzeit hängt oft mit Betreuungsaufgaben, Belastung im Beruf oder regionalen Arbeitskulturen zusammen.

Die Unterschiede zwischen Bundesländern mit hoher und niedriger Reserve deuten auf vielfältige Ursachen hin – etwa unterschiedliche Traditionen bei der Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit von Frauen.Regionale Unterschiede und politische OptionenDie ausgewiesenen Potenziale in wirtschaftsstarken Ländern wie Baden-Württemberg oder Bayern zeigen, dass dort besonders viele Teilzeitkräfte im öffentlichen Dienst tätig sind. In ostdeutschen Ländern fällt die Reserve geringer aus, was mit einer historisch stärkeren Erwerbstätigkeit von Frauen und einem dichteren Betreuungsangebot zusammenhängt. Diese regionalen Unterschiede erschweren ein einheitliches politisches Rezept.Für die Politik ergeben sich zwei Ansatzpunkte: Zum einen könnte eine gezielte Förderung von Arbeitszeitaufstockungen, etwa durch bessere Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeitmodelle oder Gesundheitsprävention, dazu beitragen, vorhandene Reserven zu nutzen.

Zum anderen bleibt die Aufgabe, zusätzliche Fachkräfte zu gewinnen und den öffentlichen Dienst langfristig attraktiver zu machen, denn die rechnerischen Potenziale allein werden den Bedarf nicht vollständig decken.

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