Ökonomen warnen vor Eurobonds als Nachteil für Deutschland
heute 10:14 Uhr, dts-nachrichtenagentur.de
Zwei führende Ökonomen halten gemeinsame EU-Anleihen in Form von Eurobonds für finanziell unattraktiv und politisch verfrüht, insbesondere aus deutscher Sicht. Sie widersprechen damit Vorschlägen, den Euro über mehr EU-Schulden zur Leitwährung aufzubauen.
via dts Nachrichtenagentur
Führende Ökonomen sehen gemeinsame EU-Schulden in Form von Eurobonds derzeit als unattraktiv für Deutschland. Sie widersprechen damit Forderungen, den Euro über zusätzliche europäische Anleihen zur internationalen Leitwährung zu machen.Haucap: Zusätzliche EU-Schulden schwächen den Euro eherDer Düsseldorfer Wirtschaftsprofessor Justus Haucap kritisierte in einem Gespräch mit dem Magazin "Spiegel" die Idee, aus dem Vertrauensverlust in den US-Dollar den Schluss auf mehr EU-Schulden zu ziehen.
Aus seiner Sicht ist der Dollar zwar unter Druck, doch die Euroländer gäben bereits heute in großem Umfang eigene Staatsanleihen aus, die Investoren vielfältige Anlagemöglichkeiten bieten.
Deutschland stelle mit seinen Sondervermögen zusätzlich reichlich Schuldtitel zur Verfügung.Eurobonds seien für Deutschland finanziell unattraktiv, weil sie mit aus deutscher Sicht zu hohen Zinsen verbunden seien, so Haucap. Letztlich würde die Bundesrepublik diese höheren Kosten tragen, indem sie über den EU-Haushalt für einen Teil der Zinslast gemeinsamer Anleihen aufkomme. Faktisch führten Eurobonds nach seiner Einschätzung zu einer höheren Verschuldung, womit sich ein Problem der USA wiederhole: Deren hohe Staatsschulden gelten als wichtiger Grund für die aktuelle Schwäche des Dollars.Kritik am LeitwährungsargumentDer Ökonom bezweifelt zudem, dass zusätzliche Schulden bei anhaltend schwachem Wachstum den Euro zur Leitwährung machen könnten.
Die Vorstellung, allein durch mehr gemeinsame Anleihen den internationalen Status der europäischen Währung zu steigern, hält er für wenig schlüssig. Aus seiner Sicht ist der Euro eher dann attraktiv, wenn solide Staatsfinanzen und stabile Wachstumsbedingungen vorliegen.Fuest: EU fehlt die Grundlage für eine Leitwährung wie den DollarAuch der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, äußerte sich gegenüber dem "Spiegel" kritisch. Das Ziel, den Euro zur internationalen Leitwährung weiterzuentwickeln, sei für ihn keine überzeugende Begründung für mehr gemeinsame europäische Anleihen. Er verweist darauf, dass die USA eine politische Einheit mit erheblicher militärischer und technologischer Macht sind, was die Stellung des Dollars stützt.Diese Voraussetzungen sieht Fuest in der Europäischen Union bisher nicht gegeben.
Deshalb sei es aus seiner Sicht nicht realistisch zu erwarten, dass der Euro allein durch zusätzliche gemeinsame EU-Anleihen zu einer weltweiten Leitwährung aufsteigen könne. Für eine solche Rolle müsse die Union zuvor deutlich stärker politisch integriert und handlungsfähig sein.Gemeinsame Schulden nur bei stärkerer politischer IntegrationFuest schließt die Tür für gemeinsame Anleihen jedoch nicht vollständig. Er hält es für denkbar, in größerem Umfang Eurobonds auszugeben, wenn es eine geopolitisch handlungsfähige EU-Regierung gäbe. Politische Integration sei aus seiner Sicht die notwendige Vorstufe, damit gemeinsame Schuldeninstrumente ökonomisch sinnvoll und politisch legitimiert wären.Damit knüpft Fuest die Ausweitung von Eurobonds an eine grundlegende Weiterentwicklung der EU-Strukturen.
Ohne diese Integration sieht er die Vergemeinschaftung von Schulden als riskant und kein geeignetes Instrument, um den Euro international aufzuwerten.Bereits begebene EU-Anleihen und Streit über den weiteren KursIn den vergangenen Jahren hat die EU bereits mehr als 820 Milliarden Euro an gemeinsamen Anleihen begeben, vor allem zur Finanzierung des Corona-Aufbaufonds Next Generation EU. Dieser Sonderfonds war als Antwort auf die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie beschlossen worden und ist an zeitlich begrenzte Programme geknüpft.Die Frage, ob und wie Brüssel diese Schulden künftig bedienen und prolongieren soll, sorgt inzwischen für Streit unter den Mitgliedstaaten.
Zur Debatte steht, ob die bestehenden Verbindlichkeiten vollständig zurückgezahlt, durch neue Bonds ersetzt oder sogar ausgeweitet werden.
IW-Direktor Michael Hüther hatte angesichts der Schwäche des US-Dollars dafür geworben, den Euro mithilfe weiterer gemeinsamer EU-Anleihen zu einer ernstzunehmenden Alternative aufzubauen.Die Positionen von Haucap und Fuest markieren in dieser Debatte eine klare Gegenlinie: Sie halten Eurobonds aus aktueller Sicht für finanziell unattraktiv und politisch nicht hinreichend legitimiert, solange die EU keine stärker integrierte politische Einheit bildet.
Die aktuelle Kritik von Justus Haucap und Clemens Fuest trifft auf eine seit Jahren emotional und fachlich stark aufgeladene Debatte über Eurobonds. Gemeinsame Schuldeninstrumente der EU gelten Befürwortern als Schritt zu mehr fiskalischer Integration und wirtschaftlicher Stabilität, während Gegner vor Fehlanreizen und einer Vergemeinschaftung nationaler Risiken warnen.
Dass sich zwei profilierte Ökonomen klar gegen eine Ausweitung solcher Anleihen positionieren, zeigt, dass die Diskussion in Deutschland weiterhin von Skepsis geprägt ist.Haushaltsrisiken und Zinskosten aus deutscher PerspektiveHaucap und Fuest argumentieren aus Sicht eines wirtschaftlich starken Mitgliedstaats, dessen Bonität bislang für sehr niedrige Zinsen sorgt. Gemeinsame EU-Anleihen würden den Zinsvorteil Deutschlands teilweise nivellieren, weil die Konditionen der Papiere die Lage aller Mitgliedstaaten widerspiegeln. Höhere Finanzierungskosten für die EU bedeuteten mittelbar auch höhere Belastungen für den Bundeshaushalt. Vor diesem Hintergrund sehen die beiden Ökonomen die bestehenden nationalen Anleihemärkte und deutschen Sondervermögen bereits als ausreichend attraktive und kosteneffiziente Anlage- und Finanzierungsinstrumente.Geopolitik, Leitwährungsstatus und institutionelle VoraussetzungenBesonders deutlich wird die unterschiedliche Sicht auf die Rolle des Euro im internationalen Währungssystem. Während IW-Direktor Michael Hüther den schwächeren US-Dollar als Chance versteht, den Euro durch mehr gemeinsame EU-Anleihen zu einer Alternative aufzubauen, verweisen Haucap und Fuest auf strukturelle Grenzen.
Sie betonen, dass eine internationale Leitwährung mehr braucht als große Anleihevolumina: Entscheidend sind eine politische Einheit, militärische und technologische Stärke sowie klare Entscheidungsstrukturen.
Solange die EU diese Voraussetzungen nicht erfüllt, halten sie zusätzliche gemeinsame Schuldeninstrumente für kein geeignetes Mittel, den internationalen Status des Euro maßgeblich zu verändern.Konfliktlinie in der europäischen FinanzpolitikDie bereits begebenen mehr als 820 Milliarden Euro gemeinsamer EU-Schulden – vor allem im Rahmen von Next Generation EU – markieren einen bislang befristeten Sonderweg, der in der Pandemie beschlossen wurde. Ob dieser Weg verstetigt, ausgeweitet oder wieder verlassen werden soll, ist nicht nur eine technische Frage der Schuldenverwaltung, sondern ein Kernkonflikt der europäischen Finanzpolitik. Die Aussagen von Haucap und Fuest verdeutlichen, dass ein Teil der deutschen Ökonomenlandschaft eine weitere Vergemeinschaftung von Schulden ohne vorherige politische Integration für riskant und ökonomisch wenig überzeugend hält. Für Leser in Deutschland ist deshalb entscheidend, dass die künftige EU-Finanzarchitektur nicht nur über Zinsniveaus und Schuldenquoten entscheidet, sondern auch darüber, wie viel politische und fiskalische Verantwortung auf europäischer Ebene gebündelt wird.