Ökonomen uneins über Hüthers Vorstoß zu Eurobonds und Weltleitwährung Euro

vor 46 Minuten, dts-nachrichtenagentur.de

Ökonomen streiten über den Vorstoß von IW-Direktor Michael Hüther, den Euro zur Weltleitwährung zu machen und dafür auf neue gemeinsame europäische Schulden zu setzen. Mehrere Fachleute warnen vor Risiken, andere sehen Chancen für Investitionen und die Rolle Europas in der Weltwirtschaft.

Euroscheine (Archiv)
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via dts Nachrichtenagentur

Mehrere Ökonomen haben den Vorstoß von IW-Direktor Michael Hüther kritisiert, den Euro zur Weltleitwährung zu machen und dafür auf neue gemeinsame europäische Schulden zurückzugreifen.

Hüther wirbt für einen größeren Markt gemeinsamer Euro-Anleihen, um die Finanzierungskosten der Währungsunion zu senken und die geopolitische Stellung Europas zu stärken.Sinn warnt vor übermäßiger VerschuldungDer Ökonom und frühere Präsident des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, hält den Vorschlag für kontraproduktiv. Eine Gemeinschaftshaftung für Schulden führe aus seiner Sicht zu übermäßiger Verschuldung, die sich nicht durch rechtliche Schranken eindämmen lasse. Sinn warnt, die Schuldenlasten könnten wie ein Wasserfall über Europa hereinbrechen und die EU mit gemeinsamen Anleihen dort enden lassen, wo die USA heute in ihrer Verschuldung stehen.Skepsis weiterer ForschungsinstituteAuch andere von der „Welt" befragte Ökonomen äußern Zweifel am Konzept. Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung betont, Europa brauche vor allem Wachstum, Innovationen und Bürokratieabbau, nicht zusätzliche gemeinsame Schulden.

Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft kritisiert, die Frage gemeinsamer Anleihen müsse nach fiskalischen Kriterien beantwortet werden, und sieht im Vorstoß Hüthers keine überzeugende Begründung für gemeinschaftliche Schulden.Hüthers Konzept einer InvestitionsunionHüther hatte zuvor im „Handelsblatt" für mehr Offenheit gegenüber Eurobonds geworben, insbesondere in Deutschland. Mittel- und langfristig könne ein größerer Euro-Anleihemarkt aus seiner Sicht die Finanzierungskosten der gesamten Währungsunion senken, zusätzlich zu einem geopolitischen Gewinn. Sein Vorschlag sieht vor, ein europäisches Safe Asset über einen Zeitraum von zehn bis 15 Jahren aufzubauen, ohne die Staatsschulden aller Länder zusammenzulegen.

Stattdessen sollen gemeinsame Anleihen auf klar definierte Projekte in grenzüberschreitender Infrastruktur, Energie, Digitalisierung oder Verteidigung begrenzt werden.Unterstützung von Fratzscher und Hinweis auf weitere VorstößeUnter den befragten Ökonomen gibt es auch Zustimmung.

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, hält Hüthers Vorschlag für bedenkenswert. Die Europäische Union benötige aus seiner Sicht gemeinsame Steuern und Staatsanleihen, um gemeinsame Aufgaben besser erfüllen zu können, etwa Investitionen in Innovation, Infrastruktur, Klimaschutz und Verteidigung.

Volker Wieland, Stiftungsprofessor für Monetäre Ökonomie an der Goethe-Universität Frankfurt und früher Mitglied des Sachverständigenrats, verweist zudem auf eine zunehmende Häufung ähnlicher Vorstöße.Debatte über Euro als ReservewährungWieland erinnert daran, dass auch der frühere IWF-Chefökonom Olivier Blanchard gemeinsam mit Angel Ubide entsprechende Vorschläge gemacht hatte. Befürworter versprechen sich von gemeinsamen Euro-Anleihen, dass sie für internationale Reserven anderer Staaten und Finanzinstitutionen attraktiver wären als einzelne nationale Titel. Wieland äußert jedoch Zweifel, ob sich die Rolle des Euro als internationale Reservewährung tatsächlich deutlich ausbauen ließe oder ob gemeinsame Anleihen einen nennenswerten Effekt auf das Zinsniveau hätten.
Die Debatte um gemeinsame europäische Schulden und sogenannte Eurobonds gehört seit der Staatsschuldenkrise zu den umstrittensten Fragen der Finanzpolitik in der Europäischen Union. Die aktuelle Kontroverse um den Vorstoß von IW-Direktor Michael Hüther zeigt, dass sich Ökonomen weiterhin deutlich uneins darüber sind, ob ein europäischer Anleihemarkt mit gemeinsamer Haftung eher Stabilität schafft oder neue Risiken erzeugt.Historischer und institutioneller HintergrundBereits in der Eurokrise wurden Eurobonds als Instrument diskutiert, um hoch verschuldete Staaten zu entlasten und zugleich einen großen, liquiden Markt für sichere Anleihen in der Eurozone zu schaffen.

Damals überwog die Sorge, eine gemeinsame Haftung könne zu Fehlanreizen führen, weil einzelne Länder weniger Druck verspüren würden, ihre Haushalte zu konsolidieren.

Diese Argumentation nimmt Hans-Werner Sinn nun erneut auf, wenn er vor übermäßiger Verschuldung und einem „Wasserfall" an Schulden warnt.Der von Hüther ins Spiel gebrachte Ansatz einer „Investitionsunion" setzt dagegen auf klar definierte Projekte in Infrastruktur, Energie, Digitalisierung und Verteidigung.

Aus ökonomischer Sicht soll ein solcher, auf Investitionen begrenzter Rahmen zwei Ziele verbinden: die Finanzierung gemeinsamer europäischer Aufgaben und den Aufbau eines größeren Marktes für als besonders sicher geltende Anleihen.

Befürworter sehen darin mittelfristig sinkende Finanzierungskosten und eine Stärkung des Euro als Reservewährung, Kritiker bezweifeln sowohl die fiskalische Begründung als auch den Effekt auf die globale Stellung der Währung.Bedeutung für Euro, Schuldenregeln und AnlegerFür Bürgerinnen und Bürger in der Eurozone berührt die Diskussion mehrere Ebenen: Zum einen geht es um die Ausgestaltung der europäischen Fiskalregeln und die Frage, wie stark nationale Haushalte an gemeinsame Projekte gekoppelt werden sollen.

Zum anderen steht die Rolle des Euro im internationalen Finanzsystem auf dem Prüfstand. Ein größerer Markt für sichere Euro-Anleihen könnte die Währung für Notenbanken und institutionelle Investoren attraktiver machen, würde aber die Haftungsgemeinschaft innerhalb der EU vertiefen.Die gegensätzlichen Positionen der Ökonomen verdeutlichen, dass es keinen Konsens darüber gibt, ob die Vorteile eines solchen Schritts die Risiken überwiegen.

Während Befürworter auf bessere Finanzierung gemeinsamer Aufgaben und eine stärkere geopolitische Rolle Europas verweisen, warnen Skeptiker vor wachsender Verschuldung und ungelösten Verteilungsfragen innerhalb der Währungsunion. Für politische Entscheidungsträger bleibt damit die Aufgabe, die verschiedenen Modelle gemeinsamer Anleihen fiskalisch sauber zu begründen und ihre Auswirkungen auf Stabilität, Investitionen und die Stellung des Euro sorgfältig abzuwägen.

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