Nur ein Bruchteil: Gigantische Erbschaften fast steuerfrei

26.08.26 10:25 Uhr, dts-nachrichtenagentur.de

In Deutschland werden auf besonders hohe Erbschaften und Schenkungen im Schnitt lediglich etwa zwei Prozent Steuern gezahlt – ein Schlaglicht auf die Kluft im Steuersystem.

Finanzamt (Archiv)
Finanzamt (Archiv)
via dts Nachrichtenagentur

Kaum zu glauben: Wer in Deutschland ein großes Unternehmen im Wert von über 26 Millionen Euro erbt oder geschenkt bekommt, drückt dem Staat gerade mal zwei Prozent an Steuern ab.

Wie kommt das?

Neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes, analysiert vom Netzwerk Steuergerechtigkeit und zuerst vom "Spiegel" veröffentlicht, zeigen eine massive Steuervergünstigung für die Superreichen auf. Weil bei über 26 Millionen Euro Unternehmensvermögen eine spezielle Prüfung – die sogenannte Verschonungsbedarfsprüfung – greift, müssen tatsächlich nur noch sechs Prozent des eigentlichen Steuerbetrags entrichtet werden.

Fast könnte man meinen, das sei ein exklusiver Rabatt für die oberen Zehntausend.

Verlorene Steuermilliarden?

In Summe bedeutet das: Im Jahr 2025 hat der Fiskus auf diese Weise rund 3,7 Milliarden Euro weniger kassiert – fast alles entfällt auf die riesigen Erbschaften und Schenkungen, oftmals clever gestaffelt und mit großzügigen Freibeträgen versehen.

Gerade Schenkungen werden genutzt, um Vermögen frühzeitig und besonders steuerschonend weiterzugeben.



Kritische Stimmen werden lauter

Julia Jirmann vom Netzwerk Steuergerechtigkeit bringt es auf den Punkt: Die Steuerlast verteilt sich sehr ungleich, die Reichsten zahlen anteilig sogar weniger als Menschen, die sich über einen mittleren Erbfall freuen dürfen.

Das System verstärke den Trend, dass Vermögen in Deutschland ohnehin nicht besonders fair verteilt ist – der Aufstieg bleibt schwer, wenn Reichtum quasi steuerfrei vererbt wird. Und ehrlich gesagt, manchmal fragt man sich schon, wie gerecht unser System tatsächlich gebaut ist.
Die Fakten sind ernüchternd: Besonders große Erbschaften und Schenkungen bleiben in Deutschland fast steuerfrei.

Das liegt vor allem an der Verschonungsbedarfsprüfung, die enorme Steuererleichterungen für Unternehmensvermögen ab 26 Millionen Euro bietet.

Kritiker wie das Netzwerk Steuergerechtigkeit sehen darin ein gravierendes Problem, da die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergeht – und das Steuersystem so wenig zum sozialen Ausgleich beiträgt.

Kürzlich veröffentlichte Artikel zu diesem Thema greifen die Kontroverse ebenfalls auf: Eine Recherche der Süddeutschen Zeitung beleuchtet, wie gezielt Familienunternehmen von den Steuervorteilen profitieren, während kleinere Erben kaum Entlastung erfahren (Quelle: Süddeutsche Zeitung). Die Deutsche Welle ordnet die Debatte um Erbschaftsteuern europaweit ein und betont, dass der internationale Vergleich Deutschlands Regelungen als besonders großzügig erscheinen lässt (Quelle: Deutsche Welle). Ein aktueller Beitrag der taz hinterfragt schließlich, inwiefern die Politik durch Lobbyarbeit der Wirtschaftsbosse eine Reform der Erbschaftssteuer immer wieder verwässert (Quelle: taz).


Süddeutsche Zeitung: Eine aktuelle Analyse untersucht, wie Familienunternehmen gezielt die Steuerschlupflöcher nutzen, was dazu führt, dass insbesondere große Konzerne nur einen Bruchteil der üblichen Erbschaftsteuer zahlen und so ihr Familienvermögen nahezu unberührt an die nächste Generation weiterreichen können.

Gleichzeitig kritisiert der Artikel, dass kleine Unternehmen und Privatpersonen kaum vergleichbare Vorteile erhalten und so die Kluft zwischen Groß- und Kleineigentum weiter wächst. Die Debatte um eine gerechtere Ausgestaltung der Erbschaftssteuer nimmt deshalb wieder Fahrt auf. (Quelle: Süddeutsche Zeitung)
Deutsche Welle: In einem Hintergrundbericht ordnet die Deutsche Welle die deutsche Erbschaftssteuer im europäischen Vergleich ein und stellt fest, dass Großvermögen hierzulande besonders geschont werden.

Während andere Länder teils deutlich höhere Sätze verlangen oder Schlupflöcher konsequenter schließen, bleibt Deutschland international ein Ausreißer, was Reformdruck verstärkt. Experten warnen vor wachsender Ungleichheit und geringer Bereitschaft zum sozialen Ausgleich. (Quelle: Deutsche Welle)
taz: Die taz schildert in einem ausführlichen Beitrag, wie Lobbyisten aus der Wirtschaft gezielt politischen Druck ausüben, um geplante Reformen der Erbschaftssteuer immer wieder abzuschwächen oder zu verzögern. Laut dem Artikel werden dabei auch gezielt Narrative gestreut, wonach Arbeitsplätze angeblich massiv gefährdet wären, wenn reiche Erben stärker belastet würden.

Die Autor*innen argumentieren, dass mit der politischen Bequemlichkeit oft gesellschaftliche Chancen vertan werden.

(Quelle: taz)

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