NS-Wachmann: Justiz ermittelt gegen 105-Jährigen in Dortmund
heute 06:42 Uhr, dts-nachrichtenagentur.de
Die Staatsanwaltschaft Dortmund ermittelt gegen einen 105 Jahre alten früheren Wachmann des Kriegsgefangenenlagers Stalag 326 in Nordrhein-Westfalen. Ihm wird Beihilfe zum vielfachen Mord vorgeworfen; ein zweiter Beschuldigter ist inzwischen gestorben.
via dts Nachrichtenagentur
Die Staatsanwaltschaft Dortmund ermittelt gegen einen 105 Jahre alten früheren Wachmann des nationalsozialistischen Kriegsgefangenenlagers 326 VI K Senne in Nordrhein-Westfalen.
Dem Mann wird als Wachmann des Lagers Beihilfe zum vielfachen Mord vorgeworfen.Nach Informationen der „Bild“ wurden die Ermittlungen von der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg angestoßen und im Februar an die Staatsanwaltschaft Dortmund abgegeben.Ursprünglich zwei BeschuldigteUrsprünglich richteten sich die Ermittlungen gegen zwei frühere Wachleute. Einer der beiden Beschuldigten ist inzwischen gestorben.Das Stalag 326 bestand von 1941 bis 1945. Mehr als 300.000 Kriegsgefangene durchliefen das Lager, darunter vor allem sowjetische Soldaten.Schätzungen zu den TodesopfernDie Schätzungen zur Zahl der Todesopfer reichen von 15.000 bis 70.000. Die Gefangenen litten unter Hunger, Krankheiten und katastrophalen hygienischen Bedingungen.Mord und Beihilfe zum Mord verjähren in Deutschland nicht.
Das Ermittlungsverfahren steht im Zusammenhang mit der strafrechtlichen Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen, die auch Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fortgesetzt wird. Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein die Frage, ob ein Beschuldigter persönlich an einzelnen Tötungen beteiligt war, sondern auch, ob seine Tätigkeit in einem Lagerbetrieb die Ermordung oder den Tod von Gefangenen förderte.Das Stalag 326 VI K Senne war Teil des deutschen Kriegsgefangenensystems. Die große Zahl der dort registrierten Gefangenen und die dokumentierten Bedingungen – Hunger, Krankheiten und mangelhafte Hygiene – erklären, warum Ermittler die Verantwortung für das Lagergeschehen auch unter dem Gesichtspunkt vielfachen Mordes beziehungsweise der Beihilfe dazu prüfen.Späte Verfahren und rechtliche BedeutungFür die Strafverfolgung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen gilt, dass Mord und Beihilfe zum Mord nicht verjähren.
Das hohe Alter des Beschuldigten beendet ein Verfahren deshalb nicht automatisch. Entscheidend bleiben die individuelle Zurechnung, die Beweislage und die Frage, ob ein Gericht die Voraussetzungen für eine Anklage und einen Prozess bejaht.Die Abgabe des Verfahrens an die Staatsanwaltschaft Dortmund markiert den Übergang von der historischen Aufklärung zur konkreten strafrechtlichen Prüfung.
Für Überlebende und Angehörige kann ein solches Verfahren zudem eine späte gerichtliche Anerkennung des erlittenen Unrechts bedeuten.
Zugleich stellen Alter, Gesundheitszustand und der lange Zeitablauf besondere Anforderungen an Ermittlungen und eine mögliche Hauptverhandlung.