25.09.2018 - 12:46 Uhr

Sind die Anleger zu sorglos?

Hat es Sie auch verwundert, dass die Börsen in der Vorwoche mit steigenden Kursen auf neue Zölle im Handelstreit zwischen den USA und China reagiert haben (siehe Börse-Intern vom 18.09.2018)? Gut, denn diese scheinbar „unlogischen“ Reaktionen der Märkte tauchen immer öfter auf. Dennoch ist es sinnvoll, die dahinterliegenden Gründe dafür zu erfragen.

Erklärungen der Medien

Doch herauszufinden, wieso sich die Kurse in die eine oder andere Richtung bewegen, ist nicht ganz einfach. Zunächst schaut man sich oftmals erst die „Begründungen“ der Medien und Analysten an. Tatsächlich bekommt man hier manchmal auch Erklärungen, die durchaus plausibel klingen. Schwierig wird es aber, wenn die „Erklärungen“ von vornherein schon grotesk wirken – so wie in diesem Fall.

Nach einem Pressebericht liegt der Kursanstieg an der Erleichterung der Anleger, da Trump mit der jüngsten Entscheidung nicht seine „ursprüngliche Drohung“ durchsetzte, wonach „er noch Strafabgaben in Höhe von zehn Prozent auf sämtliche Einfuhren aus dem Reich der Mitte erwogen“ hatte, sondern „die nun verhängten US-Zölle […] sich auf Importe im Umfang von ‚nur‘ 200 Milliarden Dollar [beziehen]. Das entspricht weniger als der Hälfte der gesamten Importe aus China“ in die USA. (Das 10 % auf 100 % immer noch weniger sind, als 25 % auf 50 %, die laut der neuen Verfügung ab Januar, also bereits in gut drei Monaten, fällig sind, lasse ich mal so stehen.)

Weitere skurrile „Gründe“ warum die Kurse nicht gefallen sind

Ein weiterer Analyst merkte an, dass es sich bei den 200 Mrd. Dollar „ um nicht mehr als 2,5 % des Welthandels“ handle. Dies könnte „die recht robuste Weltkonjunktur nicht wirklich beeinträchtigen“. Zumal es bislang ja noch keine messbaren negativen Effekte der Zölle gäbe – vor allem nicht in den USA. Also was soll’s?

Mein Favorit ist jedoch die Begründung, dass die USA mit dem 200-Mrd.-Dollar-Zollpaket nun im Vorteil gegenüber China seien. Schließlich kann China nicht mehr mit gleicher Stärke zurückschlagen, da die US-Exporte nach China nur Waren im Wert von 127 Mrd. Dollar betragen.

Vielleicht bin ich ja der Einzige, dem diese „Gründe“ skurril und an den Haaren herbeigezogen erscheinen. Man kann sich aber durchaus fragen, warum deutlich niedrigere Strafzölle zum Teil zu einer klar negativen Reaktion an den Börsen geführt haben. Diese nun aber völlig gelassen bleiben.

Chinesischer Aktienmarkt spürt den Handelsstreit

Immerhin rutschte der Shanghai Composite Index seit Beginn der Streitigkeiten Ende Januar um mehr als 26 % ab. Durch die neuen Zollbeschlüsse erreichte er ein neues Jahrestief und notierte wieder auf dem Niveau von Anfang 2016.

Die Kursrücksetzer des DAX als Reaktion auf die Handelsstreitigkeiten haben wir in den vergangenen Wochen und Monaten stets hautnah miterlebt. Die Kursausschläge konnte man vor allem bei den Einzelwerten deutlich erkennen, z.B. als die USA Autozölle angekündigt haben oder der Trump-Juncker-Deal wieder für Entspannung sorgte.

Doch nicht nur die Aktienmärkte sind vom Handelsstreit betroffen. So stieg der Stahlpreis um rund 20 % und der Aluminiumpreis sogar um mehr als 30 %, als die USA Zölle auf Stahl und Aluminium Anfang April ankündigten. Seit Anfang Juli ist zudem der Preis für Sojabohnen in den Keller gefallen (ca. -20 %), nachdem China Gegenzölle auf viele landwirtschaftliche Produkte aus den USA in Kraft setzte.

Nur zwei Möglichkeiten

Und wenn jetzt, das vierfache Volumen aller bisherigen Zollmaßnahmen auf uns zu kommt, entspannen sich die Börsianer einfach? Das klingt dann doch eher sehr unwahrscheinlich.

Aus meiner Sicht gibt es hier nur zwei Möglichkeiten: Die positive Kursreaktion der Vorwoche begründet sich auf völlig andere Ursachen oder die Märkte haben wirklich ganz plötzlich eine ganz andere Sicht auf die Dinge gewonnen.

Doch was ich auch tue. Ich kann mir keine grundsätzlich andere Sichtweise auf diese bislang ungebremste Verschärfung des Konflikts finden. Dafür gibt es drei Gründe:

3 Gründe, warum Gelassenheit gerade nicht angebracht ist

Erstens ist noch kein Ende des Handelsstreits zwischen den USA und China absehbar. Auch wenn es Beobachter gibt, die glauben, „inzwischen Signale dafür zu erkennen, dass beide […] eigentlich eine […] Beilegung des Handelsstreits anstreben“ und der Auffassung sind, dass „selbst die nun neu beschlossenen Zölle […] zumindest teilweise wieder zurückgenommen werden“ könnten.

Es scheint sich hier aber eher um Wunschdenken zu handeln, wie die von mir unterstrichenen Passagen dieser Formulierung andeuten. Bislang folgten auf Ankündigungen der USA am Ende auch Taten. Erst Anfang September machte der US-Präsident deutlich, dass man das damals schon im Raum stehende 200-Mrd.-Dollar-Zollpaket (welches nun in der Vorwoche beschlossen wurde) durch Zölle auf chinesische Importe im Wert von weiteren 267 Mrd. Dollar noch erweitern könnte – „je nachdem, was passiert“. Damit ist sicherlich die Rede von chinesischen Gegenmaßnahmen.

Sollte nochmal ein Volumen von 267 Mrd. Dollar dazu kommen, wären tatsächlich fast 100 % aller US-Exporte aus China mit irgendwelchen Zöllen belegt. Damit wären auch die eingangs erwähnten Argumente hinfällig. Doch das würde noch nicht zwangsläufig das Ende des Handelsstreits bedeuten. Schließlich könnte man die Zollsätze noch anheben oder andere Maßnehmen beschließen.

China hat noch Alternativen

Das führt uns schon zum zweiten Grund, warum es nicht Gelassenheit ist, was man gerade empfinden sollte. Zwar gibt es für China keine Möglichkeit mit gleich hohen Zöllen zu reagieren, aber es biete sich noch eine Reihe weiterer Alternativen. So rechnen Beobachter z.B. mit diversen Behinderungen von US-Firmen in China durch die Behörden als Reaktion auf weitere Handelsbarrieren. Dies wäre vermutlich recht simpel umzusetzen und kann im Anschluss nahezu beliebig verschärft werden.

Zudem kann China als weltgrößter Stahl-, Aluminium- und Kupferproduzent die Mengen und Preise auf den Rohstoffmärkten beeinflussen, was vielen US-Unternehmen (z.B. Flugzeugbau, Automobilbranche) ebenfalls Probleme bereiten könnte. Doch als ultimative Waffe besitzt China natürlich noch seine Dollar-Reserven in Form von US-Staatsanleihen. Diese könnte die chinesische Regierung - zumindest theoretisch – auf den Markt werfen, wodurch die Zinsen in den USA kräftig anziehen würden.

Die Sorge um China selbst

Der aber naheliegendste und dritte Grund, ist die Sorge um China selbst. Wie bereits beschrieben, rutschte der dortige Aktienmarkt gerade erst auf sein Niveau von Anfang 2016. Die Anleger sehen also durchaus bereits dunkle Wolken über China – und das sicherlich auch und gerade wegen des Handelsstreits.

Erinnern Sie sich an 2016? Es kam ab Mitte 2015 zu einer kräftigen und weltweiten Korrektur an den Aktienmärkten. Der Auslöser war die Sorge um die chinesische Konjunktur, die dortige Überschuldung, und, und, und. Dies scheint aber schon lange nicht mehr im Fokus der Anleger zu sein; man könnte auch sagen „vergessen“.

Damals handelte es sich aber auch mehr um die allgemeinen Bedenken über die Nachhaltigkeit des chinesischen Wirtschaftswachstums, die in größeren Abständen regelmäßig wieder aufkommen (und die ich das China-Syndrom nenne). Dazu stieß noch ein veritabler Aktiencrash, den sich die Regierung durch ihre Hauruck-Regulierung der Börsen selbst ankreiden kann.

Fatale Sorglosigkeit der Anleger?

Doch diesmal besteht tatsächlich die Gefahr von einem (zumindest vorübergehenden) Einbruch ihrer US-Exporte, die etwa 4 % ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) entsprechen. Das dürfte Chinas Wirtschaft durchaus in Mitleidenschaft ziehen, auch bei Wachstumsraten von 6 %. Wann, wenn nicht jetzt, sollten wieder Sorgen um China aufkommen? Oder ist das China-Syndrom inzwischen abgehakt?

Handelt es sich also beim Kursanstieg der Vorwoche wirklich um ein Zeichen der Gelassenheit oder einen Gewöhnungseffekt wegen des andauernden Handelsstreits, dann hätten wir es unter Umständen mit einer fatalen Sorglosigkeit der Anleger zu tun.

Sorglosigkeit ist kein neues Phänomen

Doch auch das dürfte uns nicht neu vorkommen. Schließlich erlebten wir es bereits viele Monate lang im vergangenen Jahr, als die Kurse ununterbrochen nach oben kletterten und die Börsianer geradezu eingelullt wurden. Damals ließen sich nur die allgemeinen Warnsignale einer solchen sorglosen Marktphase finden, die ich zuletzt Mitte Dezember 2017 angesprochen habe. Knapp eineinhalb Monate später kam es dann zu der erwarteten Korrektur.

Doch inzwischen sind die Gefahren schon sehr konkret geworden und dennoch macht sich bei den Anlegern Gelassenheit breit? Das ist zwar durchaus möglich, aber leider nicht sehr wahrscheinlich.

Keine Unterstützung der Stillhalter mehr

Ich gehe deshalb davon aus, dass Sorglosigkeit – wenn überhaupt – bestenfalls ein Teil der Erklärung für die starke Performance der Aktienmärkte in der Vorwoche ist. Insbesondere im DAX könnten wir zudem eine veritable Short Squeeze im Vorfeld des großen Verfallstags gesehen haben. Denn dieser war Anfang September massiv überverkauft. Darauf wies ich auch in meiner Verfallstagsanalyse hin. Die Stillhalter könnten diesen Umstand genutzt haben, um den Kurs zurück in die Zielzone zu bringen -  damit waren sie am Ende ja auch erfolgreich (siehe Börse-Intern vom Freitag).

Nach dem Wegfall dieses Aufwärtsdrucks durch die Stillhalter müssen die Bullen nun beweisen, dass sie selbst den Kursanstieg getragen haben und nicht getragen wurden. Bis zur Fed-Entscheidung am Mittwoch dürften die Kurse also eher stagnieren. Erst danach werden wir sehen, ob die Bullen die Rally weiter vorantreiben können oder die Kurse – wie bisher stets in diesem Jahr – nach einer Zinsentscheidung wieder fallen.

Wenn der Rückfall kommt

Falls es zu einem Rückfall kommt, könnte dies zu bearishen Fehlausbrüchen bei den US-Indizes führen. (Die jüngste Schwäche des NASDAQ 100, der trotz neuer Hochs von S&P 500 und Dow Jones kein neues Allzeithoch erreichen konnte, gibt hierauf einen Hinweis!) Eine erneute Abwärtswelle im DAX könnte dessen Top-Formation, die immer noch droht, abschließen und wieder den Bärenmodus aktivieren.

Doch vielleicht wurden alles Gefahren angesichts der jüngsten Allzeithochs tatsächlich vergessen und die Kurse gehen in eine erneute Übertreibungsphase wie schon 2017 über. In diesem Fall könnte man bei dieser Rally (die dann zur Jahresendrally werden könnte) einfach einsteigen – doch niemals ohne die Hand am Notauslöser zu haben.

Mit besten Grüßen

Ihr Torsten Ewert

 (Quelle: www.stockstreet.de)