IW-Studie: Ostdeutschland verliert ohne Drittstaatler 191.000 Jobs

heute 06:40 Uhr, dts-nachrichtenagentur.de

Eine neue Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, wie stark Ostdeutschland bereits heute auf internationale Fachkräfte angewiesen ist und welche Branchen besonders betroffen sind. Zugleich gewinnt das politische Klima vor den Landtagswahlen an Bedeutung für die künftige Anwerbung und Bindung von Zuwanderern.

Medizinisches Personal in einem Krankenhaus (Archiv)
Medizinisches Personal in einem Krankenhaus (Archiv)
via dts Nachrichtenagentur

Ostdeutschland ist nach einer neuen Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) zunehmend auf Fachkräfte aus Drittstaaten angewiesen.

Ohne Zuwanderung aus der EU und aus Drittstaaten wäre die Zahl der qualifizierten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in den ostdeutschen Flächenländern um rund 191.000 oder 5,3 Prozent niedriger.Rückgang deutscher Fachkräfte, wachsende Rolle der DrittstaatenSeit 2019 geht der Studie zufolge die Zahl der qualifizierten Beschäftigten mit deutscher Staatsangehörigkeit zurück. EU-Bürger tragen weiterhin positiv zum Fachkräfteangebot bei, ihr Beitrag nimmt jedoch deutlich ab. Drittstaatsangehörige gewinnen demgegenüber an Bedeutung.

IW-Fachkräfteexperte Fabian Semsarha betonte, dass eine Stabilisierung des Fachkräfteangebots ohne Zuwanderung aus Drittstaaten künftig kaum möglich sein werde.Nach Angaben des Instituts arbeiten inzwischen fast 160.000 internationale Fachkräfte in Engpassberufen.

Besonders wichtig sind sie in der Logistik, im Gesundheitswesen und in der Gastronomie. Fast ein Viertel der Berufskraftfahrer in den ostdeutschen Flächenländern besitzt keinen deutschen Pass, bei Köchen sind es knapp 20 Prozent und bei angestellten Ärzten rund ein Viertel.Regionale Unterschiede in den ostdeutschen LändernDie IW-Analyse zeigt deutliche regionale Unterschiede. In Sachsen-Anhalt und Thüringen ist die Zahl der qualifizierten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten trotz Zuwanderung um 6.448 beziehungsweise 12.207 Personen gesunken. In Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg glichen ausländische Beschäftigte den Rückgang deutscher Fachkräfte nicht nur aus, sondern sorgten insgesamt für ein Beschäftigungswachstum.Sachsen ist das einzige ostdeutsche Flächenland, in dem sowohl die Zahl der deutschen als auch der ausländischen Fachkräfte gestiegen ist. Die Forscher weisen darauf hin, dass die tatsächliche Bedeutung internationaler Fachkräfte in den Arbeitsmarktdaten unterschätzt werden könnte, da Eingebürgerte dort als Deutsche geführt werden.

Zwischen 2015 und 2025 wurden demnach rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland eingebürgert.Gesellschaftliches Klima und politische WeichenstellungenFür die ostdeutschen Länder ist aus Sicht des IW nicht nur entscheidend, wie zusätzliche Fachkräfte gewonnen werden können, sondern auch, wie sie dauerhaft zum Bleiben bewegt werden.

Mit zunehmender Aufenthaltsdauer spiele das gesellschaftliche Klima eine größere Rolle. Diskriminierungserfahrungen und die lokale politische Situation beeinflussten demnach sowohl die Entscheidung, ob Menschen bleiben, als auch, ob sie überhaupt nach Deutschland kommen.Forscher Semsarha erinnerte daran, dass Deutschland im internationalen Wettbewerb um Fachkräfte stehe, die die Situation hierzulande aufmerksam verfolgten.

Gerade in Regionen mit anstehenden Landtagswahlen wie Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sieht das Institut zentrale Weichenstellungen beim politischen Klima und bei der Frage, wie offen eine Gesellschaft gegenüber Zuwanderung auftritt.Vorschlag: „Work-and-Stay-Agentur" und Debatte im WahlkampfUm internationale Beschäftigte zu gewinnen und zu halten, sehen die IW-Forscher auch beim Abbau bürokratischer Hürden Ansatzpunkte. Eine effiziente „Work-and-Stay-Agentur" könne dazu beitragen, Verfahren zu vereinfachen und Fachkräfte schneller in Arbeit zu bringen.

Zugleich verweisen sie auf die Bedeutung von Weltoffenheit und politischem Klima für die Attraktivität der Standorte.In Sachsen-Anhalt wird am Sonntag ein neuer Landtag gewählt. Im Wahlkampf positioniert sich die AfD unter anderem gegen die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte und wirbt dafür, stärker auf inländische Arbeitskräfte zu setzen.

Die IW-Analyse macht deutlich, dass internationale Beschäftigte bereits heute einen erheblichen Anteil an der Fachkräftesicherung haben und dass ein Rückgang der Migration oder verstärkte Abwanderung insbesondere Branchen wie Logistik, Gesundheitswesen und Gastronomie stark unter Druck setzen könnte.
Die Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) trifft Ostdeutschland in einer Phase tiefgreifender demografischer und politischer Veränderungen.

Seit Jahren zählen die ostdeutschen Flächenländer zu den Regionen mit besonders stark schrumpfender und alternder Bevölkerung, was den Arbeitsmarkt strukturell belastet.

Vor diesem Hintergrund zeigt die IW-Studie, dass ohne Zuwanderung aus der EU und aus Drittstaaten bereits heute zehntausende qualifizierte Beschäftigte fehlen würden, insbesondere in Engpassberufen.Demografie, Abwanderung und WettbewerbsdruckDie geburtenstarken Jahrgänge erreichen das Rentenalter, gleichzeitig setzt sich eine erneute Abwanderung Richtung Westen fort. Dadurch steigt der Druck auf Unternehmen, offene Stellen zu besetzen.

Die IW-Forscher machen deutlich, dass die frühere Entlastung durch EU-Zuwanderung spürbar nachlässt und Drittstaatsangehörige zunehmend zur tragenden Säule werden – etwa in Logistik, Gesundheitswesen und Gastronomie. Für die ostdeutschen Länder entsteht damit ein verschärfter Wettbewerb um internationale Fachkräfte, in dem sie gegenüber westdeutschen Regionen bislang einen niedrigeren Anteil aufweisen.Politisches Klima und FachkräftewettbewerbDie Studie betont nicht nur wirtschaftliche Kennziffern, sondern auch weiche Standortfaktoren. Je länger internationale Fachkräfte bleiben, desto wichtiger werden gesellschaftliches Klima, Diskriminierungserfahrungen und lokale Politik. Vor Landtagswahlen wie in Sachsen-Anhalt gewinnt dieser Aspekt an Bedeutung, weil migrationskritische Wahlkampfaussagen von potenziellen Fachkräften im Ausland wahrgenommen werden können.

Zugleich sehen die Forscher Reformbedarf bei bürokratischen Verfahren und schlagen eine „Work-and-Stay-Agentur" vor, um Anwerbung und Integration zu erleichtern. Für Unternehmen und Politik in Ostdeutschland stellt sich damit die strategische Doppelaufgabe, internationale Beschäftigte zu gewinnen – und ihnen zugleich verlässliche, offene Rahmenbedingungen zu bieten, die einen langfristigen Verbleib begünstigen.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragenstern.de: „Chemie, Kultur, CDU-Kernland: Das müssen Sie über Sachsen-Anhalt wissen" (02.09.2026)Der Artikel zeichnet ein umfassendes Bild der wirtschaftlichen und sozialen Lage Sachsen-Anhalts, einschließlich hoher Armutsrisiken und struktureller Herausforderungen. Er bestätigt den langfristigen Bevölkerungsrückgang und die Bedeutung industrieller Kernbranchen, während er das Thema internationale Fachkräfte eher indirekt über Standortfragen und Strukturprobleme adressiert.FOCUS online: „Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Ticker: AfD in weiterer Umfrage deutlich vor der CDU" (02.09.2026)FOCUS online berichtet über aktuelle Umfragen zur Landtagswahl und hebt den starken Zuspruch für migrationskritische Positionen hervor. Damit ergänzt der Beitrag die IW-Analyse um den politischen Kontext: Während die Studie auf die wachsende Abhängigkeit von internationalen Fachkräften hinweist, zeigt der Wahlkampfblick, dass Teile der Wählerschaft Parteien favorisieren, die Zuwanderung begrenzen wollen.Beide Beiträge bestätigen die angespannten strukturellen Rahmenbedingungen in Sachsen-Anhalt, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte: der eine auf wirtschaftliche und soziale Kennziffern, der andere auf politische Stimmung und Wahltrends. Offen bleibt, wie sich die politische Ausrichtung nach der Wahl konkret auf die Fachkräftepolitik auswirken wird.

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