IEA-Chef warnt vor kritischer Öl- und Gasversorgung bis 2027
heute 15:06 Uhr, dts-nachrichtenagentur.de
IEA-Chef Fatih Birol rechnet wegen des Irankriegs noch monatelang mit einer angespannten globalen Öl- und Gasversorgung. Europas Verbraucher könnten durch knappe LNG-Mengen, niedrige Speicherstände und höhere Preise besonders unter Druck geraten.
via dts Nachrichtenagentur
IEA warnt vor anhaltender EnergiekriseDie globale Öl- und Gasversorgung dürfte aus Sicht der Internationalen Energieagentur infolge des Irankriegs noch für Monate kritisch bleiben.
IEA-Chef Fatih Birol sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er sehe keinen plausiblen Weg für eine Normalisierung der Energiemärkte bis 2027.Europa konkurriert um FlüssigerdgasBirol äußerte Zweifel daran, dass die Europäer sicher durch den Winter kommen.
Der Gasimport aus den Golfstaaten bleibe unterbrochen, zugleich werde Europa auf den LNG-Märkten mit Abnehmern aus Japan, Südkorea und China um verfügbare Mengen konkurrieren.Dieser Wettbewerb werde die Preise in die Höhe treiben, sagte der IEA-Chef. Erschwerend kämen niedrige Gasspeicherstände in Europa hinzu.Keine Lockerung bei russischem GasAls kurzfristige Entlastung nannte Birol möglichst viel Stromerzeugung sowie eine möglichst hohe eigene Öl- und Gasförderung.
Die Beschränkungen für russische Gasimporte wolle er dennoch nicht lockern, weil Europa nicht erneut in eine Abhängigkeit geraten solle.Birol kritisiert deutschen AtomausstiegOhne den Atomausstieg wäre die Stromerzeugung nach Birols Einschätzung einfacher. Er kritisierte, Deutschland habe funktionierende Kernkraftwerke stillgelegt und versuche zur Kompensation, grünen Wasserstoff aus Namibia zu beziehen.Kernenergie und Erneuerbare wachsenDas weltweit steigende Interesse an der Kernenergie bewertet Birol positiv. Zugleich verwies er auf das Wachstum erneuerbarer Energien, von Elektroautos und Batterien.Die Verbindung dieser Technologien mit der Kernenergie sei eine angemessene Antwort auf hohe Öl- und Gaspreise und könne zugleich die Energieversorgung absichern sowie den Klimaschutz voranbringen.
Die Warnung des IEA-Chefs fällt in eine Phase, in der Europas Energiesicherheit gleichzeitig von geopolitischen Störungen, begrenzten Importmöglichkeiten und saisonaler Nachfrage abhängt. Der Ausfall von Lieferungen aus dem Golf kann nicht kurzfristig durch einen einzelnen Ersatzlieferanten ausgeglichen werden, weil Flüssigerdgas weltweit gehandelt wird und europäische Abnehmer mit asiatischen Käufern um verfügbare Mengen konkurrieren.Für Haushalte und Unternehmen wirkt sich diese Lage vor allem über die Großhandelspreise aus. Steigende Kosten für Gas und Strom können sich zeitversetzt auf Heizungen, Produktionspreise, Verkehr und staatliche Entlastungsmaßnahmen auswirken.
Niedrige Speicherstände erhöhen zugleich die Bedeutung des tatsächlichen Winterverlaufs: Ein milder Winter würde den Verbrauch begrenzen, während längere Kälteperioden die Beschaffung und die Preisbildung verschärfen könnten.Europas Energiepolitik unter DruckBirol verbindet die kurzfristige Versorgungssicherung mit einer langfristigen Strukturdebatte. Mehr erneuerbare Energien, Speicher, Netze, Elektrofahrzeuge und Kernkraft können Abhängigkeiten von Öl- und Gasimporten verringern, ersetzen aber nicht automatisch die kurzfristig benötigten Brennstoffmengen.
Deshalb stehen neben der Diversifizierung auch Einsparungen, verfügbare Kraftwerkskapazitäten und eine belastbare Infrastruktur im Mittelpunkt.Die europäische Abkehr von russischer Energie bleibt dabei ein strategisches Ziel, begrenzt aber den Spielraum in einer akuten Versorgungskrise. Der Konflikt macht damit sichtbar, dass Klimapolitik, Außenpolitik und Versorgungssicherheit inzwischen eng miteinander verbunden sind.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene FragenFocus: „23,3 Millionen Barrel pro Tag schaffen es aus dem Golf: Öl wird trotz Nahost-Erleichterung nicht billiger“ (24.10.2026)Der Beitrag ordnet die aktuellen Ölströme aus dem Golf ein und hebt hervor, dass selbst wieder zunehmende Liefermengen die Preise nicht automatisch senken.
Damit ergänzt er Birols Warnung um die Perspektive des Ölmarkts und zeigt, dass die Versorgungslage nicht allein an der verfügbaren Menge hängt.tagesschau: „Energie-Entkoppelung: So abhängig ist Europa noch von Russland“ (24.10.2026)Der Artikel stellt die fortdauernde Abhängigkeit Europas von russischer Energie in den Mittelpunkt und beschreibt die seit Beginn der russischen Großinvasion deutlich gesunkenen Gasimporte. Gemeinsam ist beiden Beiträgen der Blick auf Europas schwierige Diversifizierung; der Schwerpunkt liegt hier stärker auf der strategischen Russland-Abhängigkeit als auf dem unmittelbar bevorstehenden Winter.Die Berichte verbinden die aktuelle Marktbelastung mit Europas langfristiger Energiepolitik. Offen bleibt, wie lange die Lieferunterbrechungen andauern und wie stark Wintertemperaturen, Nachfrage und globale Konkurrenz die Preise beeinflussen.