Frührente: Unions-Vorschlag benachteiligt Frauen um 52,1 Prozent
heute 07:05 Uhr, dts-nachrichtenagentur.de
Eine DIW-Auswertung zeigt, dass die von der Union diskutierte Beschränkung auf reine Arbeitsjahre vor allem Frauen treffen würde. Die erwartete Einsparung bliebe zugleich begrenzt.
via dts Nachrichtenagentur
DIW warnt vor Nachteilen für Frauen bei UnionsvorschlagDer Vorschlag aus der Union, bei der abschlagsfreien Frührente künftig nur noch Arbeitsjahre anzuerkennen, würde Frauen nach einer DIW-Berechnung besonders stark benachteiligen.
Ohne die bisher berücksichtigten Kindererziehungs- und Pflegezeiten hätten 52,1 Prozent weniger Frauen des untersuchten Jahrgangs Anspruch auf die Rente für besonders langjährig Versicherte.Arbeitsjahre statt SorgezeitenIn der Union wird diskutiert, die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren mit strengeren Kriterien zu versehen.
CDU-Fraktionschef Thorsten Frei sprach sich dafür aus, künftig nur noch tatsächlich geleistete Arbeitsjahre anzuerkennen.Bislang fließen auch Zeiten der Kindererziehung, Arbeitslosigkeit und der Pflege von Angehörigen in die Beitragsjahre ein. Das DIW untersuchte den Geburtsjahrgang 1958, von dem rund ein Drittel die abschlagsfreie Frührente nach mindestens 45 Beitragsjahren nutzte.Frauen tragen den größten VerlustUnter den vorzeitig ausgeschiedenen Versicherten waren 153.470 Männer und 123.658 Frauen.
Kinder- und Pflegezeiten hatten dabei fast ausschließlich Frauen angesammelt.Eine Streichung dieser Zeiten würde den Anspruch von Frauen deshalb deutlich stärker verringern. Bei Männern errechnete das DIW lediglich einen Rückgang von 0,5 Prozent.Begrenzte Einsparung bei neuer RegelDie Kosten der Frührente würden nach der DIW-Kalkulation um 20,6 Prozent sinken.
Damit stünde einer erheblichen Verschiebung zwischen den Geschlechtern eine vergleichsweise begrenzte finanzielle Entlastung gegenüber.Auch 47 Versicherungsjahre treffen Frauen stärkerAls weitere Möglichkeit wird eine Anhebung der Zugangsvoraussetzung von 45 auf 47 Versicherungsjahre diskutiert. Der finanzielle Effekt wäre laut DIW größer als bei einer Beschränkung auf reine Arbeitsjahre.Allerdings hätten bei dieser Variante 38,3 Prozent der Männer und 51,2 Prozent der Frauen des Jahrgangs 1958 ihren Anspruch auf die abschlagsfreie Frührente verloren.
DIW-Ökonom Niklas Döhler plädierte deshalb dafür, die Frührente wie ursprünglich vorgesehen abzuschaffen und stattdessen Rentner mit niedrigen Bezügen gezielt zu unterstützen.Koalition ringt um RentenreformIm Sommer hatten sich Bundeskanzler Friedrich Merz und die damalige SPD-Chefin Bärbel Bas darauf verständigt, die Rentenreform der Alterssicherungskommission vollständig umzusetzen.
Dazu sollte auch die Abschaffung der Frührente gehören.Inzwischen ist die Koalition in dieser Frage festgefahren, weil sich mehrere Ministerpräsidenten gegen die Abschaffung sperren.
Die geltende Regelung verursacht pro Jahrgang Kosten von rund zehn Milliarden Euro.
Die Debatte über die abschlagsfreie Frührente verbindet zwei Ziele, die politisch nur schwer gleichzeitig zu erreichen sind: Der Staat soll die Ausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung begrenzen, zugleich sollen Versicherte mit langen Erwerbsbiografien vor Abschlägen geschützt werden.
Die geltende Regelung berücksichtigt neben Beschäftigungszeiten auch bestimmte Phasen der Kindererziehung, Pflege und Arbeitslosigkeit. Dadurch werden Unterbrechungen nicht vollständig wie reguläre Erwerbsjahre behandelt, aber bei der Zugangsvoraussetzung berücksichtigt.Die DIW-Berechnung macht sichtbar, dass eine Umstellung auf reine Arbeitsjahre nicht geschlechtsneutral wäre. Frauen haben im untersuchten Jahrgang häufiger Erziehungs- und Pflegezeiten übernommen und deshalb größere Lücken in den Erwerbsbiografien.
Eine Reform, die diese Zeiten streicht, würde damit zwar formal für alle gelten, praktisch aber unterschiedliche Gruppen treffen.Streit über Kosten und VerteilungDer finanzielle Effekt der diskutierten Änderung fällt laut DIW deutlich kleiner aus als der Eingriff in die Anspruchschancen.
Das erschwert einen politischen Kompromiss, weil Einsparungen gegen Verteilungswirkungen abgewogen werden müssen.
Eine Anhebung der erforderlichen Versicherungsjahre auf 47 würde die Ausgaben stärker beeinflussen, zugleich aber ebenfalls viele Frauen ausschließen.Für die weitere Rentenpolitik steht damit nicht nur die Frage im Mittelpunkt, wann ein abschlagsfreier Ruhestand möglich sein soll. Entscheidend ist auch, welche Lebensleistungen als gleichwertiger Beitrag zur Versicherung anerkannt werden.
Besonders betroffen wären Menschen, deren Erwerbsverlauf durch unbezahlte Sorgearbeit geprägt ist.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene FragenEuronews: „Babyboomer: Immer mehr Deutsche gehen vorzeitig in Rente“ (05.11.2026)Der Beitrag ordnet die Bedeutung der 45 Versicherungsjahre für den vorzeitigen abschlagsfreien Ruhestand ein. Im Mittelpunkt stehen die Zugangsmöglichkeiten für langjährig Versicherte, während die geschlechtsspezifischen Folgen der DIW-Berechnung dort nicht vertieft werden.n-tv: „Der Tag: Diskussion um Rente mit 63“ (04.11.2026)n-tv berichtet über den politischen Streit um die geplante Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren.
Der Schwerpunkt liegt auf dem Konflikt innerhalb der Rentenreform; die konkrete Belastung von Frauen durch eine reine Arbeitsjahre-Regelung steht nicht im Vordergrund.Übereinstimmend wird die abschlagsfreie Frührente als zentraler Streitpunkt der Reform beschrieben.
Offen bleibt, ob die Koalition die Zugangsvoraussetzungen verändert, die Regelung vollständig abschafft oder soziale Ausgleichsmechanismen vorsieht.