Eingliederungshilfen für seelisch belastete Kinder verdoppeln sich

09.09.26 08:14 Uhr, dts-nachrichtenagentur.de

Die Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland gewährt deutlich mehr Eingliederungshilfen für seelisch belastete junge Menschen, vor allem im schulischen Bereich. Zugleich steigen die Ausgaben und der Anteil inklusiv beschulter Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf deutlich.

Klassenraum in einer Schule (Archiv)
Klassenraum in einer Schule (Archiv)
via dts Nachrichtenagentur

Die Zahl der Eingliederungshilfen für Kinder, Jugendliche und junge Volljährige ist in den letzten Jahren stark gestiegen.

Unter diese Hilfen fallen auch individuelle Schulbegleitungen, die im Alltag von Kita und Schule eine wachsende Rolle spielen.Zahl der Hilfen und Gründe für den AnstiegIm Jahr 2024 gewährten die Träger der Kinder- und Jugendhilfe gut 174.000 Eingliederungshilfen, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Damit hat sich die Zahl der Hilfen gegenüber 2014 mit knapp 80.800 Leistungen für seelisch behinderte junge Menschen mehr als verdoppelt. Ziel ist, Kindern, Jugendlichen und jungen Volljährigen mit seelischer Behinderung oder entsprechender Gefährdung die Teilhabe am sozialen Leben zu erleichtern. Dazu gehören unter anderem Beratungs- und Therapieangebote, Kita- und Schulbegleitungen sowie Integrationsassistenzen, die im Schulalltag deutlich an Bedeutung gewonnen haben und als zentrale Ursache für den Anstieg gelten.Typische Problemlagen und Dauer der HilfenDie Eingliederungshilfen wurden 2024 aus unterschiedlichen Gründen neu eingeleitet. Am häufigsten lagen seelische Probleme oder Entwicklungsauffälligkeiten vor, etwa Ängste, suizidale Tendenzen oder Entwicklungsverzögerungen. In gut der Hälfte der Fälle spielten schulische oder berufliche Probleme eine Rolle, zum Beispiel ADHS, Hyperaktivität oder schulvermeidendes Verhalten.

Auffälligkeiten im Sozialverhalten wie Isolation, Drogenkonsum oder Aggressivität wurden in gut einem Drittel der Fälle genannt, wobei mehrere Gründe gleichzeitig vorliegen konnten. Im Schnitt dauerte eine Eingliederungshilfe rund 23 Monate.Wer die Hilfen nutztBesonders häufig nahmen Kinder zwischen 6 und 11 Jahren solche Leistungen in Anspruch, sie stellten 45 Prozent der Fälle. Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren kamen auf 42 Prozent. Junge Volljährige ab 18 Jahren machten 11 Prozent aus, Kinder unter 6 Jahren 2 Prozent. Insgesamt waren rund sieben von zehn Leistungsberechtigten Jungen.Deutlich gestiegene AusgabenDie Ausgaben für Eingliederungshilfen für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche sind ebenfalls stark gestiegen.

Bund, Länder und Gemeinden gaben für minderjährige Kinder und Jugendliche im Jahr 2024 rund 3,5 Milliarden Euro aus, mehr als das Dreifache der gut 1,1 Milliarden Euro aus dem Jahr 2014. Der Anteil dieser Hilfen an den Gesamtausgaben der Kinder- und Jugendhilfe für Einzel- und Gruppenhilfen sowie andere Aufgaben nach dem SGB VIII kletterte im gleichen Zeitraum von 8 auf 12 Prozent. Insgesamt haben sich die Ausgaben für die Kinder- und Jugendhilfe zwischen 2014 und 2024 auf 78,8 Milliarden Euro mehr als verdoppelt.Entwicklung in den SchulenAuch in den Schulen zeigt sich eine wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderschwerpunkt. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen mit dem Schwerpunkt „emotionale und soziale Entwicklung" stieg in den vergangenen zehn Jahren um 44 Prozent auf 111.700 im Schuljahr 2024/2025. Mehr als die Hälfte dieser Kinder und Jugendlichen, insgesamt 64.400 beziehungsweise 58 Prozent, wird inklusiv an regulären Schulen unterrichtet, die übrigen besuchen Förderschulen.Mehr sonderpädagogische Förderung und IntegrationÜber alle Schularten hinweg wuchs die Zahl der sonderpädagogisch geförderten Schüler binnen zehn Jahren um 28 Prozent auf 610.800 im Schuljahr 2024/2025. Gefördert werden dabei etwa Kinder und Jugendliche mit emotionalen und sozialen, körperlichen oder geistigen Entwicklungsverzögerungen sowie mit Förderschwerpunkten wie Lernen, Sehen, Hören oder Sprache. Parallel dazu ist die Zahl der Integrationsschüler, die mit besonderem Förderbedarf an regulären Schulen unterrichtet werden, um 77 Prozent auf 270.500 gestiegen. Im selben Zeitraum erhöhte sich die Zahl der Förderschüler leicht um 5 Prozent auf 340.300.
Die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamts machen sichtbar, wie stark sich das System der Kinder- und Jugendhilfe in den vergangenen Jahren verändert hat. Der starke Anstieg der Eingliederungshilfen für seelisch behinderte oder von seelischer Behinderung bedrohte junge Menschen verweist auf eine wachsende Sensibilität für psychische Belastungen im Kindes- und Jugendalter. Gleichzeitig zeigen die Daten, dass insbesondere der Schulalltag für viele Betroffene zu einer zentralen Belastungsquelle geworden ist.Mehr Hilfen, wachsende BelastungenWenn sich die Zahl der bewilligten Hilfen binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt und sich die Ausgaben sogar mehr als verdreifachen, deutet dies auf eine Kombination aus mehreren Faktoren hin: zum einen werden seelische Probleme häufiger erkannt und diagnostiziert, zum anderen greifen Eltern und Schulen offenbar zunehmend auf rechtlich vorgesehene Unterstützungsleistungen zurück. Der hohe Anteil von Hilfen wegen schulischer und beruflicher Probleme sowie Entwicklungsauffälligkeiten zeigt, dass Leistungsdruck, Überforderung und Verhaltensbesonderheiten im Bildungsbereich besonders ins Gewicht fallen.Inklusion als strukturelle HerausforderungParallel dazu wächst die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderschwerpunkt deutlich. Dass mehr als die Hälfte der Kinder mit dem Schwerpunkt „emotionale und soziale Entwicklung" inzwischen inklusiv an regulären Schulen unterrichtet wird, unterstreicht den Anspruch auf Teilhabe im Regelsystem. Für Schulen, Kommunen und Träger bedeutet dies jedoch einen erheblichen organisatorischen und finanziellen Aufwand – von zusätzlichem Fachpersonal über Schulbegleitungen bis zur Anpassung von Unterricht und Schulorganisation. Die Entwicklung dürfte die Debatte über die Ausstattung der Jugendhilfe, die Qualifikation von Fachkräften und die Finanzierung inklusiver Bildung weiter verstärken.Ausblick für Familien und KommunenFür Familien bleibt positiv, dass die rechtlichen Möglichkeiten zur Unterstützung häufiger genutzt werden und der Zugang zu Hilfen offenbar breiter geworden ist. Zugleich stellt der Kostenanstieg Bund, Länder und Gemeinden vor die Frage, wie die Angebote künftig zielgenau weiterentwickelt und finanziert werden können. Je stärker Hilfen frühzeitig ansetzen und Schule sowie Jugendhilfe eng kooperieren, desto größer sind die Chancen, dass Kinder und Jugendliche mit psychischen Belastungen dauerhaft am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

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