Digitales Bahnzeitalter: Alstom-Chef Sion sieht goldene Zukunft
heute 18:48 Uhr, dts-nachrichtenagentur.de
Alstom-Chef Martin Sion sieht mit der Digitalisierung ein „goldenes Zeitalter“ für den Zugverkehr und setzt auf stark wachsende Investitionen in Bahn- und Signaltechnik. Zugleich fordert er in Europa einheitliche Regeln und faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber staatlich gestützten Herstellern aus anderen Regionen.
via dts Nachrichtenagentur
Alstom-Chef Martin Sion sieht die Bahnbranche am Beginn eines „goldenen Zeitalters“ und bezeichnet die Digitalisierung als vierte Revolution der Eisenbahn nach Erfindung, Elektrifizierung und Hochgeschwindigkeitszügen.
Die Schiene erlebe weltweit einen Boom, getrieben von Dekarbonisierung, überlasteten Megastädten und dem Wunsch nach weniger Abhängigkeit vom Öl.Alstom setzt zur Innotrans auf digitale LösungenMit dieser Botschaft reist Sion nach Berlin, wo am Dienstag die Innotrans als weltgrößte Messe für Verkehrstechnik beginnt. Alstom will dort unter anderem einen Zug vorstellen, der ferngesteuert ohne Lokführer an Bord zur Wartung ins Depot fahren kann. Die Digitalisierung ermögliche nach Sions Worten, auf bestehender Infrastruktur deutlich mehr Züge fahren zu lassen und die Bahn zuverlässiger zu machen.Alstom versteht Züge als „Hochleistungstechnologie“ und investiert nach Unternehmensangaben knapp 750 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung bei etwas mehr als 19 Milliarden Euro Umsatz, mit weiter wachsender Tendenz. Die Bahnindustrie verzeichne jährlich ein Wachstum von über fünf Prozent, so Sion.Weltweite Nachfrage und Europas FührungsrolleDer Alstom-Chef berichtet von großer Begeisterung für die Bahn weltweit und verweist dabei ausdrücklich auf Eindrücke aus Indien.
Europa nehme in der Zugindustrie eine industrielle Führungsposition ein, dürfe aber gegenüber Herstellern aus anderen Regionen, insbesondere China, nicht „naiv“ bleiben.Es brauche aus seiner Sicht faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber Akteuren, die von Subventionen oder anderen staatlichen Hilfen profitieren.
Dies gelte vor allem bei öffentlichen Ausschreibungen für Züge und Signaltechnik.Forderung nach mehr Standardisierung in EuropaSion kritisiert zudem die stark unterschiedlichen Zertifizierungs- und Zulassungsverfahren im europäischen Schienenverkehr. Während ein Flugzeug ein rundum standardisiertes Produkt sei, gebe es bei Zügen weiterhin extrem nationale Ansätze, besonders im Lokomotivbereich.Als Beispiel nennt er eine Lokomotive, die in 17 Ländern fahren kann und für jedes zusätzliche Land ein weiteres Elektronikmodul sowie kostspielige Neuzertifizierungen erfordert. Sion fordert mehr Standardisierung im europäischen Bahnsektor, auch wegen der sicherheitspolitischen Bedeutung der Schiene.Schiene als sicherheitspolitischer FaktorIm Verteidigungsfall sei ein flüssiger Verkehr von Zügen durch Europa entscheidend, betont der Alstom-Chef. Aus seiner Sicht muss die Bahnindustrie daher nicht nur als Wirtschaftszweig und Klimaschutzinstrument, sondern auch als Bestandteil einer belastbaren europäischen Sicherheitsarchitektur verstanden werden.
Die Aussagen von Alstom-Chef Martin Sion fallen in eine Phase, in der der Bahnverkehr politisch und wirtschaftlich als zentrales Instrument für Klimaschutz und Entlastung überlasteter Verkehrssysteme gilt. Parallel dazu zeigt die jüngste Statistik, dass zwar der öffentliche Nahverkehr wächst, der Fernverkehr aber zuletzt rückläufige Fahrgastzahlen verzeichnete. Dies verweist darauf, dass der von Sion beschriebene „Boom“ der Branche vor allem auf langfristige Investitions- und Infrastrukturprojekte zielt, während die Nachfrage im Personenverkehr schwankungsanfällig bleibt.Digitalisierung als Hebel für Kapazität und ZuverlässigkeitWenn Sion die Digitalisierung als „vierte Revolution“ der Eisenbahn bezeichnet, beschreibt er einen tiefgreifenden technischen Wandel: Vernetzte Züge, vorausschauende Wartung, automatische Rangierfahrten und digital gesteuerte Leit- und Sicherungstechnik sollen dafür sorgen, dass auf vorhandenen Gleisen mehr Züge mit höherer Pünktlichkeit verkehren können.
Ein ferngesteuerter Zug, der ohne Lokführer zur Wartung ins Depot fährt, steht exemplarisch für diesen Trend – weg von rein mechanischer Technik hin zu softwaregetriebener, datenbasierter Steuerung, die zugleich Effizienz und Sicherheit erhöhen kann.Industriepolitik, Wettbewerb und Europas RolleBemerkenswert ist Sions deutliche Forderung nach „fairen Wettbewerbsbedingungen“ gegenüber staatlich gestützten Herstellern, insbesondere aus China. Die Bahnindustrie ist ein strategischer Markt: Sie verbindet Dekarbonisierung, urbane Mobilität und sicherheitspolitische Aspekte wie militärische Logistik. Wenn Zulassungsregeln in Europa stark fragmentiert bleiben, verteuert dies Projekte und schwächt die Wettbewerbsfähigkeit heimischer Anbieter. Sions Hinweis auf eine Lok, die für 17 Länder jeweils neu zertifiziert werden muss, illustriert die strukturellen Hemmnisse. Für Leser bedeutet dies: Die Zukunft des Zugverkehrs hängt nicht nur von technologischen Innovationen ab, sondern ebenso von einheitlichen Regeln und industriepolitischen Entscheidungen, die Europas industrielle Führungsposition sichern oder verspielen können.