Deutschland lehnt Hunderte Forschungs- und Studentenvisa aus China ab
10.09.26 06:00 Uhr, dts-nachrichtenagentur.de
Deutschland verweigert deutlich mehr Forschungs- und Studienvisa für Bewerber aus China als für andere Herkunftsländer. Besonders betroffen sind sicherheitsrelevante Hightech-Fächer, in denen deutsche Behörden ein erhöhtes Risiko für Wissensabfluss sehen.
via dts Nachrichtenagentur
Deutschland lehnt im Verhältnis zu anderen Ländern deutlich mehr Visumanträge von Wissenschaftlern und Studenten aus China ab. Besonders häufig betroffen sind Bewerber in sicherheitsrelevanten Hightech-Fächern.Viele Bewerber, aber auffällig hohe AblehnungszahlenNach gemeinsamen Recherchen der Süddeutschen Zeitung sowie von NDR und WDR hat das Auswärtige Amt allein im vergangenen Jahr etwa 200 Anträge von Nachwuchsforschern aus China, sogenannten Post-Docs, abgelehnt. Rund ebenso vielen regulären Studierenden wurde im Jahr 2025 ein Visum verweigert. Aus keinem anderen Herkunftsland würden in dieser Größenordnung Bewerber abgewiesen.Insgesamt erhielten im vergangenen Jahr dennoch rund 2.100 Forscher und Wissenschaftler sowie 8.800 Studierende aus China ein Visum für einen akademischen Aufenthalt in Deutschland. Deutschland bleibt damit ein wichtiger Zielstaat für chinesische Wissenschaftler und Studierende.Auswärtiges Amt verweist auf EinzelfallprüfungDas für die Vergabe zuständige Auswärtige Amt kommentierte die Ablehnungsquoten einzelner Länder nicht und verwies auf den Schutz der internationalen Beziehungen. Es handele sich bei jeder Entscheidung um einen Einzelfall. Details zu den Kriterien wurden nicht genannt.Sicherheitsrelevante Forschungsfelder im FokusDer Bericht betont, dass sich die Zahl der Post-Docs aus China in den vergangenen Jahren nahezu verdoppelt hat. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit liegt in Fächern, die von der chinesischen Regierung in ihrem jüngsten Fünf-Jahres-Plan als strategisch relevant eingestuft werden.
Genannt werden Luft- und Raumfahrt, Automationstechnik, Halbleiter, Biotechnologie, Quantenforschung, Präzisionsmaschinenbau sowie verschiedene Bereiche der Militärtechnologie.Gerade Visumsanträge in diesen Forschungsfeldern lehnt das Auswärtige Amt demnach besonders häufig ab. Hintergrund ist die Sorge vor der Abwanderung sensibler Technologien und Forschungsergebnisse.Geheimdienst-Gesetz als zentrales RisikoDen Recherchen zufolge ist es mittlerweile üblich, Sicherheitsbehörden wie das Bundesamt für Verfassungsschutz in die Prüfung chinesischer Bewerbungen einzubeziehen.
Ein wesentlicher Grund ist das Nationale Geheimdienst-Gesetz, das seit 2017 in China gilt. Es verpflichtet jeden chinesischen Bürger dazu, mit den dortigen Geheimdiensten zu kooperieren, wenn diese es verlangen.Ein nicht namentlich genannter Beamter wird mit der Einschätzung zitiert, es bestehe immer die Gefahr, dass Forscher nach ihrer Rückkehr nach China von Diensten zu ihren in Deutschland gewonnenen Erkenntnissen befragt würden – selbst wenn sie nicht ausdrücklich mit einem Spionageauftrag nach Deutschland entsandt worden seien.
Die hohe Zahl abgelehnter Forschungs- und Studienvisa für Bewerber aus China markiert eine weitere Verschärfung im Verhältnis zwischen wissenschaftlichem Austausch und Sicherheitsinteressen Deutschlands. China ist seit Jahren einer der wichtigsten Herkunftsstaaten internationaler Studierender und Gastwissenschaftler in der Bundesrepublik, zugleich wächst die Sorge vor technologischem Know-how-Abfluss in sicherheitsrelevanten Bereichen.Die im Bericht genannten Fachgebiete wie Luft- und Raumfahrt, Halbleiter, Quantenforschung oder Militärtechnologie gehören zu den strategischen Schlüsseltechnologien, in denen Staaten weltweit um Vorsprünge konkurrieren.
Wenn die Visumsanträge insbesondere in diesen Feldern häufiger abgelehnt werden, deutet dies auf eine deutlich restriktivere Linie deutscher Behörden gegenüber möglichen Formen von Wissens- und Technologietransfer hin. Das chinesische Nationale Geheimdienst-Gesetz von 2017 verstärkt die Wahrnehmung, dass akademische Kooperationen nicht nur wissenschaftlichen, sondern auch nachrichtendienstlichen Zwecken dienen könnten.Sicherheitspolitik und Wissenschaftsfreiheit im SpannungsfeldFür Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland stellt sich damit die Frage, wie sie ihre internationale Öffnung mit dem Schutz sensibler Forschung verbinden.
Der Einbezug von Sicherheitsbehörden wie des Bundesamts für Verfassungsschutz in Visumsprüfungen zeigt, dass Sicherheitsaspekte inzwischen tief in den administrativen Alltag der Wissenschafts- und Hochschulpolitik hineinreichen.
Zugleich bleibt Deutschland für viele chinesische Nachwuchskräfte attraktiv, was die hohe Zahl erteilter Visa verdeutlicht.Ausblick für die deutsch-chinesische ZusammenarbeitLangfristig könnten strengere Visapolitiken die Struktur der Zusammenarbeit mit China verändern: weniger direkte Personalmobilität in sicherheitsrelevanten Bereichen, mehr Fokus auf eng geregelte Projekte und europäische Forschungssicherheitsstandards. Für Studierende und Post-Docs aus China bedeutet die Entwicklung eine höhere Hürde, insbesondere in techniknahen Disziplinen.
Für deutsche Hochschulen stellt sich die Aufgabe, ihre Rekrutierungsstrategien anzupassen und transparente Kriterien für den Umgang mit Bewerbungen aus Staaten mit weitreichenden Geheimdienstgesetzen zu entwickeln.