Chemiebranche erlebt überraschenden Stimmungssprung laut Ifo-Institut
vor 37 Minuten, dts-nachrichtenagentur.de
Das Geschäftsklima in der deutschen Chemieindustrie hat sich – beinahe wie aus dem Nichts – im August deutlich erholt.
via dts Nachrichtenagentur
Kaum einen Monat zuvor hatte wohl kaum jemand auf ein derartiges Comeback der Chemiebranche gewettet.
Schon nach dem ersten Blick auf den aktuellen Ifo-Index – minus 2,4 statt wie im Juli noch minus 26,3 – ist klar: Hier passiert gerade etwas Bemerkenswertes.
Positive Selbstwahrnehmung erstmals seit Jahren
Erstmals seit vier Jahren bewerten die Unternehmen ihre eigene Geschäftslage wieder als positiv. Der Saldo bei der Beurteilung der aktuellen Situation schoss auf 11,6 Punkte – im Juli war von Optimismus noch wenig zu bemerken (minus 14,6). Und auch die Erwartungen für die kommenden Monate sind längst nicht mehr so düster wie zuletzt: minus 15,5 klingt zwar nach wie vor zurückhaltend, ist aber eine deutliche Verbesserung gegenüber den vorherigen minus 37,2.
Geopolitik als Konjunkturmotor – unfreiwillig
Was ist passiert? Laut Ifo-Expertin Anna Wolf sorgt die Blockade der Straße von Hormus – ein eigentlich negatives, geopolitisches Ereignis – für einen sprunghaften Anstieg der Nachfrage nach deutschen Chemieprodukten.
Lieferprobleme in Asien wenden den Blick auf die Produktion hierzulande. So nimmt die Chemieindustrie das Momentum auf und plant sogar, die Produktion hochzufahren.
Exportmärkte und weniger Materialnot – ein Doppelbonus
Aber es ist nicht nur die Auftragslage im Inland: Auch die Exportaussichten bessern sich. Der Export-Saldo liegt nun bei 10,1 Punkten – noch im Juli war der Wert mit minus 22,7 ausgesprochen mager. Und obwohl die Lage auf dem Weltmarkt angespannt bleibt, hat sich die Versorgung mit Materialien im dritten Quartal deutlich verbessert: Nur noch knapp 14 Prozent der Unternehmen kämpfen mit Engpässen, im Vorquartal war es noch gut ein Drittel.
Kosten und Struktur – der Schatten hinter dem Aufschwung
Statt rosa Wolken gibt es aber auch nach wie vor dicke Sorgen: Energie- und Standortkosten nagen weiter an den Bilanzen.
Trotz aller Aufbruchssignale bleibt die Branche deshalb vorsichtig und will beim Personal sparen.
Immerhin: Werden die angekündigten öffentlichen Investitionsprojekte tatsächlich schnell umgesetzt, könnte die Nachfrage nach chemischen Vorleistungen mittelfristig stabil bleiben.
Aber darauf würde ich persönlich, ehrlich gesagt, momentan nicht alles verwetten.
Deutschlands Chemieindustrie scheint sich im August 2024 beinahe aus dem Stand neu erfunden zu haben – zumindest wenn man den Ifo-Zahlen Glauben schenkt. Ein satter Sprung im Geschäftsklima-Index und erstmals seit vier Jahren positive Eigenbewertungen lassen Hoffnung aufkeimen, aber der Schein trügt an einigen Stellen: Die Besserung beruht zu großen Teilen auf geopolitischen Verwerfungen wie der anhaltenden Blockade in der Straße von Hormus, die kurzfristig Vorteile bringt, langfristig aber nicht unbedingt auf stabilem Boden steht.
Strukturelle Herausforderungen bleiben hartnäckig
Trotz der erfreulichen Entwicklung in Export und Materialversorgung machen hohe Energiepreise der Branche weiter zu schaffen.
Auch andere aktuelle Medienberichte unterstreichen, dass deutsche Industriebetriebe weiterhin mit teuren Standorten und ungewissen politischen Rahmenbedingungen kämpfen.
Hinzu kommt – wie auch die FAZ in ihrer Berichterstattung zuletzt hervorhob –, dass der Fachkräftemangel und der sich verschärfende globale Wettbewerb langfristig nach wie vor eine Bremswirkung entfalten.
Stimmen aus dem Chemieverband mahnen zudem, die politische Unterstützung auf Bundesebene dürfe auf keinen Fall nachlassen, falls der aktuell beobachtete Trend langfristig anhalten soll.
Stimmungsbild aus der Medienlandschaft
Die wirtschaftliche Lage der Branche bleibt also trotz des auffallenden Lichtblicks im August fragil. Viele Unternehmen investieren nach wie vor nur mit angezogener Handbremse, während der Appell nach einer echten Industriepolitik in Medien und Verbänden wieder lauter wird. Die aktuelle Sonderkonjunktur könnte – so der Konsens in zahlreichen Wirtschaftsmedien – schneller verpuffen, als sie gekommen ist, wenn nun keine grundsätzlichen Reformen folgen.