Bischofskonferenz-Vorsitzender Wilmer warnt vor AfD-Wahl in Sachsen-Anhalt
03.09.26 07:00 Uhr, dts-nachrichtenagentur.de
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, ruft wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt dazu auf, die AfD nicht zu wählen und beruft sich dabei auf christliche Grundwerte. Zugleich mahnt er mehr politische und kirchliche Präsenz im ländlichen Raum an und zeigt sich im Streit mit dem Vatikan über Segnungen homosexueller Paare verhalten optimistisch.
via dts Nachrichtenagentur
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, hat wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt eindringlich davor gewarnt, die AfD zu wählen. Er rief die Bürger des Bundeslandes dazu auf, ihr Gewissen zu schärfen und ihre Entscheidung an grundlegenden christlichen Werten auszurichten.Appell an Wähler und Verweis auf christliche GrundwerteWilmer sagte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", er appelliere an die Mündigkeit der Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt. Als Christen stehe man für Nächstenliebe und die unverhandelbare Würde jedes Menschen, besonders der Schwächsten in der Gesellschaft. Migranten störten nicht, betonte der Bischofskonferenz-Vorsitzende.Aus diesen Grundüberzeugungen ergebe sich für ihn, dass es in Fragen der Menschenwürde und des Schutzes Benachteiligter "keine Alternative" gebe, weder in Deutschland noch anderswo. Die AfD attackiere diese Grundwerte und hintergehe die demokratische Staatsform, sagte Wilmer. Die von der Partei propagierte "Alternative für Deutschland" sei aus seiner Sicht eine Gesellschaft, in der Freiheit, Menschenwürde und Demokratie eingeschränkt würden.Sorgen der Menschen und Rolle der Kirche im ländlichen RaumDer Bischofskonferenz-Chef ging zugleich auf die Stimmungslage vieler Bürger ein. Viele Menschen, auch Christen, hätten das Gefühl, dass Politiker der etablierten Parteien ihre Sorgen nicht ernst nähmen, erklärte er. Gerade im ländlichen Raum fühlten sich zahlreiche Menschen abgehängt und nicht mehr ausreichend vertreten.Vor diesem Hintergrund wurde Wilmer gefragt, ob auch die katholische Kirche Mitschuld am Aufstieg der AfD trage, weil sie sich aus dem ländlichen Raum zurückziehe. Dem widersprach er. Als Kirche dürfe man sich auf keinen Fall aus diesen Regionen zurückziehen und tue dies auch nicht, betonte er. Die Kirche brauche allerdings Zentren, Kreativität und Antworten darauf, wie mit der sinkenden Zahl von Gläubigen und Priestern umgegangen werden könne.Vorsichtiger Optimismus im Konflikt mit dem VatikanMit Blick auf den anhaltenden Streit mit dem Vatikan über die Segnung homosexueller Paare äußerte sich Wilmer zurückhaltend zuversichtlich. Er sei der festen Überzeugung, dass auch Rom den jeweils Verantwortlichen vertraue und ihnen zutraue, vor Ort und mit Blick auf die Weltkirche richtige Entscheidungen zu treffen, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz.Damit verbindet Wilmer seine deutliche politische Stellungnahme vor der Landtagswahl mit einem Hinweis auf innerkirchliche Reformprozesse. Sowohl im gesellschaftlichen als auch im kirchlichen Bereich sieht er Verantwortliche in der Pflicht, den Herausforderungen der Gegenwart mit klaren Werten und praktischen Antworten zu begegnen.
Die Warnung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz vor einer Wahl der AfD fällt in eine Phase, in der der Partei in Sachsen-Anhalt laut Umfragen ein sehr starkes Ergebnis zugetraut wird. Zugleich wird die AfD vom dortigen Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft, was die politische und gesellschaftliche Brisanz der Äußerungen Wilmers erhöht.Kirchliche Tradition und aktuelle KonfliktlinienDie großen Kirchen in Deutschland positionieren sich seit Jahren überwiegend kritisch gegenüber rechtspopulistischen und rechtsextremen Bewegungen.
Wilmer knüpft daran an, indem er zentrale christliche Grundbegriffe wie Nächstenliebe, Menschenwürde und Schutz der Schwächsten als Maßstab benennt und diesen den politischen Angeboten der AfD gegenüberstellt. Damit macht er deutlich, dass es aus Sicht der Bischofskonferenz nicht um eine parteipolitische Empfehlung, sondern um eine Abwägung im Licht kirchlicher Sozial- und Ethiklehre geht.Indem Wilmer betont, Migranten störten nicht, rückt er die Fragen von Migration und Integration aus einer angstgetriebenen in eine menschenrechtlich begründete Perspektive. Seine Aussage, die AfD attackiere Grundwerte und hintergehe die demokratische Staatsform, ist zugleich eine klare Abgrenzung von Positionen, die er als unvereinbar mit einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung versteht. Diese Linien verlaufen parallel zu breiteren Debatten über ein mögliches AfD-Verbotsverfahren und die Einstufung der Partei durch Sicherheitsbehörden.Ländlicher Raum, Kirchenkrise und innerkirchliche DebattenWenn Wilmer auf das Gefühl vieler Menschen im ländlichen Raum eingeht, von der Politik nicht ernst genommen zu werden, reflektiert er eine Erfahrung, die in vielen Analysen zu Wahlerfolgen der AfD eine Rolle spielt. Zugleich räumt er ein, dass die Kirche selbst vor der Herausforderung steht, trotz schrumpfender Mitgliederzahlen und weniger Personal in diesen Regionen präsent zu bleiben.
Damit verbindet er Selbstkritik mit dem Anspruch, pastoral und gesellschaftlich weiterhin ansprechbar zu sein.Seine vorsichtig optimistische Haltung im Streit mit dem Vatikan über die Segnung homosexueller Paare zeigt außerdem, dass die Deutsche Bischofskonferenz parallel mit innerkirchlichen Reformfragen ringt. Die Balance zwischen römischer Vorgabe und Spielräumen für Entscheidungen vor Ort ist dabei ein zentrales Thema. Insgesamt signalisiert Wilmer, dass die Kirche sowohl in gesellschaftspolitischen Fragen wie der Abgrenzung zur AfD als auch in innerkirchlichen Debatten Orientierung geben will, ohne ihre Grundprinzipien preiszugeben.