21.05.2019 - 23:46 Uhr

Mittelbayerische Zeitung: Leitartikel zum Theater Regensburg: Theater ums Geld? Aber nein! von Marion Koller

Regensburg - Das Regensburger Stadttheater bereichert die Region, auch wenn es jeden Monat ein Defizit von mehr als einer Million Euro einfährt. Eine wohlhabende Kommune kann das schultern. Schauspiel und Tanz sollten nicht mit Buchhalter-Augen betrachtet werden. Theaterbesucher in ...

Regensburg - Das Regensburger Stadttheater bereichert die Region, auch wenn es jeden Monat ein Defizit von mehr als einer Million Euro einfährt. Eine wohlhabende Kommune kann das schultern. Schauspiel und Tanz sollten nicht mit Buchhalter-Augen betrachtet werden. Theaterbesucher in Regensburg zahlen im Schnitt 21 Euro für eine Karte. Ein kostendeckendes Ticket läge bei rund 121 Euro. Die Differenz übernimmt zum überwiegenden Teil die Stadt, den Rest der Freistaat. Die 21 Euro sind kein schlechter Wert. Regensburg rangiert damit im Durchschnitt vergleichbarer Bühnen. Beim Einspielergebnis steht das Theater am Bismarckplatz mit seinen fünf Sparten überdurchschnittlich gut da. Die Preise will Intendant Jens Neundorff von Enzberg nicht erhöhen. Schließlich soll sich die breite Masse Theaterkarten leisten können. Die Kosten können kaum mehr gedrückt werden. Denn Gehälter machen den Löwenanteil aus - und die sind ohnehin nicht üppig. Das Theater mit seinen fünf Sparten ist ein bedeutender kultureller Magnet in Ostbayern und zieht im Jahr 180 000 Menschen an, darunter eine Menge Kinder und Jugendliche. Der rührige Intendant Jens Neundorff von Enzberg, der sich interessiert in der Region umhört, öffnet das Haus mit Uraufführungen, Auftragsarbeiten, Jazzkonzerten und Lesungen von Kino-Schauspielern für neue Zielgruppen. Eine echte Konkurrenz existiert im Bezirk Oberpfalz nicht, denn das Stadttheater Amberg bietet ausschließlich Gastspiele, keine Eigenproduktionen, und das Landestheater Oberpfalz ist eine kleine Privatbühne. Jens Neundorff von Enzberg wagt etwas, das vom Publikum oft honoriert wird. Zuletzt die Opern-Uraufführung "Elizabetta" von Gabriel Prokofiev, einem Enkel des gleichnamigen Pianisten. Die Auftragsarbeit mit der mörderischen Hauptfigur, die mit jedem "Game-of-Thrones"-Protagonisten mithalten kann, begeisterte auch überregional. Bei der bemerkenswerten "Banalität der Liebe", einer modernen Oper der Jüdin Ella Milch-Sheriff über die Philosophen Hannah Arendt und Martin Heidegger, ist das Publikum mitgegangen. Uraufgeführt wurde das Werk am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Das Theater verwandelt historische Stoffe in hochkarätige Unterhaltung. Es ist ein mittelständischer Betrieb mit 319 Mitarbeitern aus aller Welt und führt im Kleinen vor, wie das Miteinander der Nationalitäten gelingt. Kurz vor der Europawahl und angesichts der Bedrohung durch menschen- und demokratieverachtende Rechtspopulisten erscheint das wichtiger denn je. Die Bühne lehrt nicht nur die junge Generation, Politikeraussagen kritisch zu hinterfragen, Machtstrukturen zu durchschauen und die Zukunft - jenseits von Schulnoten - zu denken. All das sollte uns, den Steuerzahlern, etwas wert sein. Und es macht klar, dass sich nicht mit einer mathematischen Rechnung beziffern lässt, was ein Theater der Region schenkt. Natürlich profitieren Gastronomie und Hotels. Die Kunst selbst aber ist etwas Flüchtiges, das in den Herzen weiterlebt. Der Deutsche Bühnenverein stellt in seiner jüngsten Bilanz fest, besonders Angebote, die zum Dialog mit den Menschen einladen, hätten mehr Zuschauer angezogen. In Regensburg war das so: Jede Veranstaltung, die ums Programm herumgestrickt wurde, bei der Publikum und Theaterleute zusammenfanden, stieß auf große Resonanz. Die Regensburger Bühne beschreitet den richtigen Weg. Zu hoffen wäre, dass das Haus am Bismarckplatz ein Sponsorenkonzept stemmen kann, um weitere Geldgeber aus der ostbayerischen Wirtschaft zu überzeugen.

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