Wirtschaft & Markt: Bares per Mausklick
04.04.2000
Deutschland im Börsenrausch. Friseure und Fleischer mutieren zu Daytradern.
Daytrading-Center wie die Trading-House.net stellen dafür das notwendige Equipment zur Verfügung.
Friedrich Frank wird nervös, gerade ist er in die Küche gelaufen, um sich einen Kaffe zu brühen,
da ist es passiert. Die Chartkurve hat sich in den wenigen Minuten seiner Abwesenheit ein Stück nach
oben bewegt und Frank damit einen runden Tausender in den Sand gesetzt. Sein georderter Dax-Future-Kontrakt
war auf einen fallenden Kurs ausgerichtet. "Der Markt ist heute gegen mich", glaubt Frank und stellt entnervt
den Computer ab. Die seit dem Morgen mit Spekulationen auf den Dax-Future hereingeholten 700 Mark hat er
in Sekunden wieder verloren.
Der gelernte Lebensmittelingenieur(39) sitzt seit einigen Monaten fast täglich vor der Computerglotze, um
von zu Hause aus beim Run auf die Börse mitzumachen.
Frank hat dafür Zeit, seit anderthalb Jahren ist der Ostberliner arbeitslos. Nun versucht er, sich an der
Börse etwas zu seinem Arbeitslosengeld dazuzuverdienen - bislang mit mäßigem Erfolg. Ein kleines Plus hat er
noch, das reicht, um die Hoffnungen auf den schnellen Gewinn nicht aufzuzehren. Noch sucht Frank parallel
dazu einen neuen Job. Doch Stellenangebote für seine Qualifikation sind rar und die Bezahlung mau. So kann
sich der Hobby-Börsianer durchaus vorstellen, hauptberuflich ins Aktiengeschäft einzusteigen.
Vom Friseur zum Millionär
Franks Traum vom großen Geld per Mausklick grassiert. Immer mehr Hobby-Börsianer sind drauf und dran, ihren
festen Arbeitsplatz aufzugeben, um als Händler in eigener Sache die erste Million zu machen. Statt als Frisör,
Fotograf, Fleischer, Manager, Maurer oder Mechaniker wollen sie künftig als Daytrader arbeiten und damit zu
jener Spezies von Privat-Börsianern gehören, die vor allem mit sehr kurzfristigen Engagement in Aktien oder
Derivaten versuchen, Kursgewinne abzusahnen. Die Aussicht auf das schnelle Geld treibt sie dabei an, denn beim
Daytrading geht es vorwiegend um Options- und Futures-Geschäfte.
Das Ganze mutet dabei wie ein modernes Glücksspielgeschäft an. Das ist es im Grunde auch, schließlich werden
Wetten auf künftige Kursentwicklungen geschlossen: Steigen oder Fallen - die Chancen stehen 50 zu 50. Der Vorteil
dabei: Ein Kontrakt solcher Derivate kostet weit weniger als die dahinter stehenden Aktien oder Anleihen,
repräsentieren aber zumeist ein Vielfaches des Wertes, was dazu führt, dass auch geringe Kursbewegungen sehr
hohe Gewinne oder Verluste bedeuten können.
Indes, der Weg vom Hobby-Börsianer zum Daytrader hat seine Hürden. Dabei ist das Aktiengeschäft dank Internet
für Privatleute immer einfacher geworden, es wächst die Zahl der Börsenamateure, die ihre Depots per Datenautobahn
verwalten. Nur ist man damit noch lange kein professioneller Daytrader. Der braucht zum Einstieg neben der Technik
vor allem Wissen und natürlich Kapital. Technik und Wissen bieten sogenannte Daytrading-Center an, die sich jenseits
der Bankenwelt etablieren. Ein gutes Dutzend davon gibt es bereits. Eines davon, die Trading-House.net, hat sich in
Quartier 207 in der feinen Berliner Friedrichstraße eingerichtet. Geschäftsführer Rafael Müller glaubt damit die
richtige Adresse gefunden zu haben: "Die Straße boomt, wir inzwischen auch."
Rücken an Rücken sitzen in dem verglasten Büroschiff Tageshändler vor den Monitoren und versuchen aus kurzfristigen
Marktschwankungen Profit zu schlagen. Jeder von ihnen hat mindestens einen PC zur Verfügung, den ihnen Müllers Firma
zu etwa 1000 Mark im Monat vermietet. Hinzu kommen Börsengebühren, Mehrwertsteuer, Kosten für die Software, monatliche
Gebühren für Informationsdienste und diverses mehr. Das summiert sich zu einem weiteren vierstelligen Betrag.
Müller kennt jede Menge Anekdoten, wie mit Daytrading "richtig bares Geld" verdient worden ist. Doch der Manager weist
auch auf die Risiken hin: "Die Entscheidungszeit ist kurz, da macht jeder auf Dauer auch Fehler. Also nichts übertreiben,
immer Limits nach oben und Stopps nach unten setzen." Müller hat recht. In der Regel bleibt nicht viel Zeit für
Hintergründiges, die Erfolgreichsten sind daher nicht immer die besten Ökonomen, eher die mental Stärksten stehen ganz
oben. Technik, Wissen und Erfahrung sind neben Fortune dennoch gefragt. So liefern die Daytrading-Center das Know-how
gleich mit. Firmen wie Trading-House.net bieten Kurse für Einsteiger und Fortgeschrittene an. Auf der Agenda stehen
Handelsstrategien, Chartanalyse-Methoden, Geld- und Risikomanagement oder Tradingpsychologie.
Geduld und Optimismus sind Trumpf
Letzteres ist geradezu spannend. Denn "erfolgreiche Trader haben eine Persönlichkeit. Sie haben keine Angst davor, mit
20 Trades neunzehnmal zu verlieren, denn der Zwanzigste kann viel größer sein als die anderen zusammengenommen." Georg
Segal, in den USA berühmt für seine Warenterminspekulationen geworden, glaubt zu wissen, worauf es beim täglichen Zocken
an der Börse ankommt: auf Geduld und Optimismus.
Dabei können sich die meisten Daytrader Gefühle wie Angst oder Gier kaum erwehren. Und genau dort liegen auch die Hauptgründe
ihrer Verluste. Insider des Geschäfts behaupten, dass nicht Wissen und Kapital das Rezept für den Erfolg sind, sondern die
Bereitschaft zur Selbstanalyse und -kontrolle sowie eine positive Einstellung. Die Praxis aber sieht anders aus: Daytrading
wird bei vielen Anlegern zur Sucht. In den USA, wo es Daytrading schon seit Jahren gibt, machen sieben von zehn Daytradern
über kurz oder lang Verluste. Und auch die Anleger auf der Gewinnerseite haben nach diesen Statistiken ihren positiven
Kontostand zumeist einer erfolgreichen Transaktion zu verdanken.
Krankhafte Börsenspekulanten, sofern sie nicht schon hauptberuflich und auf eigene Rechnung arbeiten, werden zum
Sicherheitsrisiko für ihre Unternehmen und Familien. Psychologe Gerhard Meyer von der Uni Bremen war bereits in rund
80 Strafverfahren als Gutachter tätig, die sich mit Beschaffungskriminalität unter Börsenzockern beschäftigen. Banker
veruntreuten Kundenkapital, nur um endlich wieder aus der Verlustzone zu kommen. Anwälte verspekulierten Klientengelder,
Kinder das Barvermögen ihrer Eltern.
Entwertung von Arbeit
Experten wie der Hamburger Verhaltenstherapeut Iver Hand fürchten, dass die Spielermentalität alsbald "flächendeckend"
übergreift. Die Formel "gute Arbeit, gutes Geld, gute Alterssicherung" gehe in Zeiten von Globalisierung und unsicherer
Arbeitsplätze nicht mehr auf, klagt der Professor. Die Folge: Wenn nichts mehr sicher scheint, so die neue Denkweise,
"kann ich auch in meiner Lebensgestaltung auf Zufall setzen." Für Hand hat das zunehmende Gewicht des Faktors Glück an den
Börsen bedrohliche Auswirkungen auf die Gesellschaft: "Wir erleben im Turbokapitalismus gerade eine groteske Entwertung
traditioneller Arbeitsleistungen."
No risk, no fun, halten die meisten der rund 1.000 Daytrader in Deutschland entgegen. Eine noch verschwindend geringe Zahl
gegenüber der Masse, die nun in der Republik auf Aktien setzt. Mehr als acht Millionen Deutsche (knapp 13 Prozent der Bevölkerung)
sind inzwischen Aktionäre oder Fondsanteilbesitzer - Tendenz weiter schnell steigend. Als die Telekom im Herbst 1996 mit einem
gigantischen Werbefeldzug an die Börse zog, brachen erstmalig die Dämme unter den bis dato als konservativ geltenden deutschen
Sparern. Rund drei Millionen interessierten sich für die T-Aktie. Zum ersten Mal seit der Privatisierung von Preussag, Volkswagen
und Veba - Ende der 50er bis Mitte der 60er Jahre - hatte Deutschland wieder eine Volksaktie. Der endgültige Durchbruch für die
Aktie brachte ein Jahr später das neue Börsensegment Neuer Markt. Dort explodieren nach kurzen Startschwierigkeiten die Kurse.
Wer bei dem Medienunternehmen EM.TV rund 6.000 Mark riskierte, wurde Monate später von der Börse zum Millionär gemacht.
Die Aktie boomt. 1997 investierten die Deutschen knapp 50 Milliarden Mark in Aktien- und Investmentfonds, zwei Jahre später war
es schon das Zehnfache. Das Thema erfasst sämtliche Bevölkerungsgruppen und fast alle Generationen. Die "Hausfrauenhausse" hat
auch den Osten erreicht, wo die Bevölkerung mit weit geringerem Geldvermögen auskommen muss als im Westen. Bei den ostdeutschen
Sparkassen sind Aktienfonds die absoluten Renner. Dabei gibt es laut Ostdeutschem Sparkassen- und Giroverband den typischen
Ost-Börsianer nicht. Es seien mehre Gruppen zu unterscheiden: Der unbedarfte junge Kunde, der durch Medienberichte interessiert
wurde, und der ältere Kunde bis 60, der im direkten Gespräch in der Sparkasse überzeugt wird. Schließlich seien auch Vorruheständler
und Arbeitslose dabei, die nun in der Hoffnung auf hohe Rendite in Fonds anlegen würden.
Kostolanys listiges Orakel
Daytrader-Protagonist Müller vermag nicht zu sagen, wie viele Ossis seine Kurse besuchten und wie viel gar Handelsplätze gemietet
hätten. Zumal die Fluktuation bislang groß sei. Müller schätzt die Zahl der Gescheiterten auf bis zu 50 Prozent. Dabei vergleicht
er das Daytrading mit einer Firmengründung. Da gehe in Deutschland auch jedes zweite Unternehmen unter.
Trading-Center-Betreibern wie Müller muss man zugute halten, dass sie nicht jeden Börsen-Kamikaze an die Computer lassen. Quasi
als "Schutz vor sich selbst" fordern die Vermieter der Handelsplätze ein Startkapital, dass der Daytrader bei der Bank hinterlegen
muss. Bei Trading-House.net sind das 50.000 Mark. Spätestens wenn die Hälfte dieser Margin verloren ist, greift die Bank mahnend
ein. Eskaliert die Sache weiter ins Minus friert sie das Restguthaben ein.
Bleibt für Börsianer und Trader die Frage aller Fragen: Wann steigen und wann fallen die Kurse? Die Antwort darauf hat der gerade
gestorbene Börsenguru Andre´ Kostolany längst gegeben: "Die Kurse steigen, wenn es mehr Dumme als Aktien gibt. Und sie fallen,
wenn es mehr Aktien als Dumme gibt." So einfach ist das an der Börse.