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Westfälische Nachrichten:Zocken in der Business-Spielbank
13.07.1999   

Freizeit-Börsianer handeln per Internet



Kaufen oder verkaufen? Diese immerwährende Frage, die über Lust und Frust an der Börse entscheidet, kann natürlich auch ein Computer nicht beantworten. Dafür kann er die eine oder andere Absicht blitzschnell ausführen. Ein Mouseclick genügt und Gerald Vogelsang hat 50 Telekom-Aktien gekauft oder 25 BASF-Papiere abgestoßen. Im Gegensatz zu seinem Kommilitonen bekämpft der 26jährige BWL-Student seine chronischen Geldmangel nicht mit Nebenjobs wie Kellnern oder Taxifahren. Er zockt lieber um Unternehmensanteile. Allerdings abseits der Hektik des Börsenparketts. Vogelsang braucht nicht einmal ein Telefon. Ihm genügt ein Internetzugang, der ihn über eine Direktbank online mit der Börse verbindet. Nach kurzer Legimitation durch Kundennummer und PIN-Code kann der ausgebildete Bankkaufmann über sein Konto und Wertpapierdepot verfügen. Nur Sekunden später hat er einen gewünschten Aktienkurs auf dem Monitor. "Das ist das Entscheidende", erklärt Vogelsang, "ich erfahre die Kurse in Echtzeit, also ohne Zeitverzögerung oder Umweg über eine Bank." Sieht etwas interessant aus, geht's ans Eingeben: Welche Aktie? Wie viele? Wann? An welcher Börse? In weniger als einer Minute ist der Auftrag in der Regel ausgeführt. Limit ist der eigene Kontostand. "Erfolgversprechend sind vor allem stark schwankende Werte und natürlich Aktien, die mir unter- oder falsch bewertet erscheinen", sagt Vogelsang. Aber welche sind das? Was über die Sachkenntnis des Freizeit-Börsianer hinausgeht weiß häufig das Internet: "Kursbeeinflussende Informationen erscheinen hier oft zuerst".
ganz umsonst ist das Internet-Zocken natürlich nicht; für jede Transaktion sind Gebühren fällig. "Die sind in der Regel aber nur halb so hoch wie bei der klassischen Aktientransaktionen über eine Bank", sagt Vogelsang. Durchschnittlich zwei-bis dreimal pro Woche geht Vogelsang an die Börse. "Mehr als vier Geschäfte tätige ich dabei allerdings meist nicht", erzählt er.
Auf so viele deals kommt ein Daytrader meist schon in der ersten Stunde nach Börseneröffnung. Daytrader sind die Fulltime-Zocker unter den Freizeit-Börsianern. Langfristige Gewinne interessieren sie nicht. Ziel ist, jeden Abend wieder ein leeres Depot zu haben. Dabei suchen sie gerne ihresgleichen. In Berlin eröffnete die Trading-house.net AG, ein Pioneer unter den Anbietern, kürzlich ihren bislang größten Online-Handelsraum. An den 70 Plätzen spekulieren Friseurinnen, Maurermeister und BWL-Professoren gemeinsam. Mindest-Startkapital sind hier jedoch 50 000 DM. 1300 DM sind jeden Monat an Platzmiete fällig. "Dafür gibt es kompetente Beratung vom Börsentrainer und das Gefühl unter Gleichgesinnten zu sein", sagt Marketing-Chefin Melanie Epp.
Die Börse selbst reagiert auf die Daytrader gelassen: "Wir finden es grundsätzlich positiv, wenn immer mehr Menschen sich für Aktien interessieren", sagt ein Sprecher der Frankfurter Börse. Allerdings würde er sich eine bessere rechtliche Absicherung des Daytrading wünschen, damit sich "niemand ins Unglück reiten kann". Denn das Risiko ist hoch und die Gefahr, das Daytrading für eine Art Computerspiel um nicht-reale Werte zu halten, ebenso. Das weiß auch Gerald Vogelsang. Das Geld, das er zum Leben braucht, würde er deshalb niemals einsetzen. Über seine Gewinne redet er natürlich nicht, aber "ein Urlaub ist schon mal drin".
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