WAZ: Daytrader zocken am Computer wie die Börse-Profis
29.06.1999
Kleinanleger nutzen die neue Technik
Die Daytrader finden immer mehr Anhänger. Diese Freizeit-Börsianer sind Kleinanleger, die per PC und Direktleitung zur
Börse privat das große Geschäft machen wollen.
Die Eilmeldung aus der Bundesbank blinkt auf den Monitoren und schon saust der Dax nach unten. Die Frau in Jeans und Pulli
springt auf und ruft aufgeregt: "Ich bin drin." Ihr Nachbar in dem kleinen Raum über der Berliner Börse meint gelassen:
"Der jeht weita runta." Die Charts geben ihm recht.
Wie die Profis einige Etagen tiefer auf dem Parkett reagieren die beiden im Mini-Handelsraum auf kleinste Schwankungen und
geben in Sekundenschnelle Aufträge ab. Sie wetten auf die nächsten Minuten und sind dann einige tausend Mark reicher - oder
auch ärmer.
Das Daytrading (Tageshandel) kommt aus Amerika. Vorreiter der privaten Börsenhandelsräume in Deutschland ist
Rafael Müller (33). Mit seiner Berliner Trading-house.net AG stieß der frühere Banker angesichts der
Kleinanleger nutzen die neue Technik
wachsenden Börseneuphorie der Deutschen in eine Marktlücke.
Bisher hatten Kleinanleger bei schnellen Geschäften wegen minutenlanger Kursverzögerung und hoher Gebühren der Banken das
Nachsehen. Mit ein paar Monitoren, einem kleinen Büroraum und Börsen-News zog Müller mit den Etablierten gleich und eröffnete
im Oktober in Berlin den ersten Handelsraum für Privatanleger. An diesem Mittwoch will Trading-house.net AG in Berlin den
größten Privathandelsraum in Europa mit 70 Plätzen starten. Weitere Häuser sollen folgen.
In dem Handelsraum können die Neu-Broker in Echtzeit, also ohne zeitverzögernde Kurse, und ohne Umweg über eine Bank oder
Discount-Broker zocken. Für den Raum und die Monitore, die vollelektronische Börsenanbindung
Schulung und Probetraining
und Gebühr. Nach zweitägiger Schulung und Probetraining können die Schnellhändler aktiv werden.
Die erste Kundin von Müller und Co. war eine ehemalige Friseur-Meisterin, die von 30 Jahren Haare waschen genug hatte.
Inzwischen betreut man 100 Kunden. "Vom Studenten über den Maurermeister bis zum Wirtschafts-Professor", sagt Epp. Den
größten Gewinn soll ein Berliner Daytrader an einem Tag mit 7500 Mark eingefahren haben. Derselbe soll aber auch einen
Verlust von 2500 DM verbucht haben.
Viele würden auch wieder abspringen, wenn sie merkten, dass das schnelle Geschäft nicht unbedingt auch die schnelle Mark
bedeutet. Vielen liegt aber die Atmosphäre in den Handelsräumen: "Man freut sich zusammen und tröstet sich."