Spiegel Spezial: Das schnelle Geld... Zocker, Spieler, Neue Reiche
01.08.1999
Für Carola Ferstl bedeuten die Kursstürze der letzten Wochen eine "notwendige Korrektur". Eine Zeitlang konnte
nahezu jeder Börsenneuling soviel Hoffnung akkumulieren, dass sein Kurs sich in den ersten Tagen vervielfältigte.
"Die Leute haben gar nicht mehr hingeguckt, was sie das eigentlich kaufen."
Heute, wo es ein Überangebot an Neueinführungen gibt, fallen manche Emissionen glich an der Startlinie in sich
zusammen wie ein schlechtes Soufflé. "Jetzt überliegen sich die Kunden genauer, wo sie investieren, und das ist
durchaus positiv." Der Neue Markt und seine Kunden - sie werden erwachsen.
Mittlerweile hat sich das Geschäft an der Börse in die Wohnzimmer verlagert. Die Broker haben Konkurrenz bekommen.
Zahllose Direktbanken laden jeden zur Party ein, der über einen Computer und einen Internet-Anschluss verfügt.
Börsendienste wie "Jag Notes", die zuvor nur von Insidern abonniert waren, haben einen gewaltigen Umsatzsprung
gemacht, seit sie ihren Service im Internet für jedermann zugänglich machten. Und ihre Aktie sprang mit - sie
verfünffacht sich kurzfristig.
Der Berliner Rafael Müller, gerade 33 Jahre alt, wollte ursprünglich selbst als Händler sein Geld verdienen. Doch
dann hatte er die Idee, die ihm heute störungsfreiere Gewinne beschert - er hilft anderen, Börsengeschäfte zu machen.
Was als Hinterhofbüro mit zwei Schreibtischen begann, ist inzwischen ein expandierendes Unternehmen. Für seine
"trading-house.net AG" hat Müller die viert Etage der neuen Berliner Börse angemietet und Terminals aufgestellt, an
denen jeder gegen Platzgebühr und Provision seine Börsengeschäfte betreiben kann.
Müllers Betrieb brummt in diesen Nachmittagsstunden. Gerade hat New York eröffnet. Studenten, Hausfrauen, ausgestiegene
Friseurinnen sitzen vor den Monitoren, verfolgen die minimalen Kursbewegungen und versuchen, ihnen Gewinne abzutrotzen.
Manche haben durchaus diesen erschöpft-gereizten Blick von Zockern, die auf dem Kneipenschemel vor dem Automaten auf die
goldenen Sieben warten.
Doch anders als beim Glücksspiel lassen sich Chancen und Gewinnverläufe hier kalkulieren. "trading-house.net AG" bietet
Chart-Programme und Info-Services zu Einzelwerten, und natürlich arbeiten seine Computer, die direkt am Börsen-Zentralrechner
angeschlossen sind, ohne jede Zeitverzögerung - Profi-Equipment. Müller: "Das Geschäft ist eindeutig demokratisiert."
Früher waren es die Händler im Parkett, die de Markt bewegten, "heute kann jeder mitmischen."
Das Unternehmen expandiert. Gegenüber hat Müller eine neue Teminal-Galerie eröffnet - die meisten Plätze sind bereits
ausgebucht. "Bald sind wir in jeder großen deutschen Stadt vertreten, die Leute sind wie verrückt auf Börsengeschäfte."
Aus dem Wertpapierhandel hat sich Müller längst zurückgezogen. "Mein Geschäft lässt mir einfach keine Zeit mehr dazu."
Dafür hat er sein Unternehmen gleich als Aktiengesellschaft aufgezogen, denn es gibt nur eines, was schöner ist, als
Aktien zu kaufen - eigene zu verkaufen. Anfang nächsten Jahres will er den Börsengang antreten. Spätestens dann wird er
sich wieder persönlich um Aktien-Notierungen an der Börse kümmern, und zwar um die seiner eigenen Firma.
Rafael Müller - jung, freundlich und reich. Er hat es tatsächlich geschafft. Als ich ihn frage, ob er Millionär ist, lächelt
er nachsichtig. "Übrigens", wirft er ein, "bieten wir Schulungskurse und Trainingsprogramme für Quereinsteiger an." Und nach
einem zweiten Seitenblick setzt er hinzu: "Kostenlos".
Na bitte, Showtime. Zeit für das große Gummiband!