Rheinische Post: Spekulieren mit der Maus
16.10.1999
Aktienhandel im Internet: Immer mehr Hobby-Broker suchen an der Börse das schnelle Geld
Von Kerstin Konrad
Der Zeigefinger lauert auf der Maustaste, jederzeit bereit für den goldenen Klick. "Die Entscheidung über Gewinn und
Verlust fällt in Sekunden, da wird selbst der Doppelklick zum Zeitfaktor", meint Roger Malk. Der 26-jährige BWL-Student
ist kein professioneller Börsenmakler, sondern gehört seit wenigen Monaten zu der sich rasch verbreitenden Spezies der
Daytrader.
Vor kurzem noch als fern der harten Parkett-Realität belächelt, boomt die Branche der Internet-Börsen wie keine andere.
Die neueste Studie des renommierten Marktforungsinstituts Forrest Research besagt, dass an die 530 000 deutsche Aktionäre
bereits am heimischen PC dealen. Alle großen Banken springen auf das sich immer schneller drehende Internet-Aktienkarussel.
Bei dieser Art des Handel wird die Order per Internet an einen Parkett-Broker geleitet.
Zum Start 50 000 Mark
Intra-Daytrading geht einen Schritt weiter. Über den privaten Handelsplatz hat der Amateur-Börsianer nun direkten Einfluss
auf das Geschehen. Mit 50 000 Mark Mindesteinsatz kann der Hobby-Makler so schnell handeln wie ein Börsenprofi, denn er
verfügt per Internet über eine Standleitung zu den großen Aktienumschlagplätzen Europas.
Roger Malk steigt jeden Morgen um neun Uhr in das Online-Monopoly um den Day-Future ein. Heute hat der Hobby-Broker binnen
Minuten zehn Punkte wett gemacht. Das sind fast 500 Mark Gewinn, von denen noch die Provision an die Intra-Daytrading-Agentur
abgezogen wird.
Initiator der neuen Form des Börsenhandels ist der zugelassene Makler Rafael Müller. Innerhalb eines Jahres hat er sechs
Filialen der Trading House AG gegründet. Drei weitere sind geplant. "Noch in diesem Jahr soll eine Filiale auf Mallorca eröffnet
werden," sagt Müller. Zusätzlich soll das Geschäft zeitlich ausgedehnt werden. Bis spät in die Nacht können die Daytrader auch
bald mit amerikanischen Papieren handeln.
Schuldnerberater und Suchtspezialisten beobachten den Trend mit Skepsis. Wie Erfahrungen aus den USA zeigen, birgt das Daytraden
eine große Suchtgefahr. Denn wie beim Roulette spielt auch hier der vermeintlich zu bezwingende Zufall eine entscheidende
Rolle. "Bei anfänglichen Gewinnen bezieht der Hobby-Makler den Erfolg nur auf seine Fähigkeiten. Eine gewisse Euphorie macht
sich breit", warnt Dr. Gerhard Meyer, Suchtforscher an der Uni Bremen. "Besonders Menschen auf der Suche nach dem Kick sind
anfällig."
Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ist die Trefferquote schlecht. Statistiken aus den USA zeigen, dass über 60 Prozent der
Hobby-Broker große Verluste einstecken und binnen Jahresfrist den Traum vom schnellen Geld im Daytrade-Center aufgeben.
Denn unabhängig von Gewinn oder Verlust ist die monatliche Miete für den Handelsplatz fällig.
Roger Malk hat gewonnen und verloren, will aber weitermachen. "Insgesamt liege ich bisher im Plus und habe gelernt, dass man
in diesem Geschäft seinen Emotionen nicht nachgehen darf." Könnte der Berliner Student noch mal anfangen, würde er auf jeden
Fall erst eine Probezeit einlegen, wie es seine Kollegin Claudia Schultze gemacht hat. Über drei Monate testete die ehemalige
Rohrleitungskonstrukteurin, ob sie mit dem Intra-Daytrading ihren Lebensunterhalt verdienen kann. Seit ein paar Wochen handelt
sie nun real mit dem Dax-Future.
Online-Broking ist in. Bislang investierten die deutschen Anleger traditionsbewusst in Lebensversicherungen oder das gute alte
Sparbuch. Aktien galten bis vor wenigen Jahren als viel zu riskant oder gar unseriös. Aber das Online-Broking lässt die
Hemmschwelle offenbar sinken. Über 1000 neue Online-Depots werden täglich eröffnet. Das schnelle Geld lockt.
Roger Malk hat an seinem Handelsplatz eine spezielle technische Ausstattung inklusive Direktleitung. Der komplette Anschluss
kostet ihn 1500 Mark pro Monat. Ein Börsen-Informationssystem auf dem Parallelbildschirm versorgt den Amateurbroker ohne
Zeitverzögerung mit weltweiten Marktdaten. Sekundenschnell übermittelt das Handelsprogramm die gemachte Order direkt an die
Börsen, wo sie unmittelbar ausgeführt wird. Nachträglich verbucht die Bank jede Bewegung im Wertpapier-Depot. Es sind selbst
höchst riskante Papiere wie Optionen und Futures, die von dem 26-Jährigen über die Mattscheibe geschoben werden.
Ohne Erfahrung geht nichts
"Wer sich uninformiert in dieses Geschäft stürtz, wird untergehen", warnt Profi Claus-Jürgen Diederich, selbst Makler an der
Berliner Börse. "Nur Erfahrung und entsprechendes Hintergrundwissen machen das Risiko überschaubar." Die Papiere werden selten
länger als wenige Minuten gehalten, manchmal ein paar Stunden, aber niemals über Nacht. "Wenn Herr Clinton oder andere
Weltpolitiker über Nacht eine wichtige Entscheidung treffen", sagt Börsenfuchs Diederich, "können alle Vorraussagen für den
Finanzmarkt über den Haufen geworfen werden." Deshalb herrscht auch im Berliner Daytrade-Center zeitweilig Hochspannung.
Claudia Schultze wird ihren Handelsplatz nach Hause verlegen. Der junge Kollege Roger will in der Handelsfiliale bleiben:
"Ich glaube, dass ich durch die Diskussionen mit den Kollegen über Aktienmarkt und die Politik noch einiges lernen kann.