Münchner Neueste Nachrichten: "Das härteste Geschäft der Welt"
27.01.2000
Robert Seebach, Chef des ersten Münchner Day-Trading-Hauses:
Seit zwei Monaten gibt es auch in München zwei private Börsenhandelsräume
Stundenlang sitzen die Börsenhändler im Büro des Trading Centers und starren auf den mit Diagrammen und Charts übersäten
Monitor. Zwischendurch notiert einer ein paar Zahlen auf einem Zettel und rechnet. Dann ein Mausklick - und schon besitzt
er Futures für Hunderttausende von Mark. Aber oft nur Sekunden, dann wird wieder verkauft, mit sattem Gewinn - oder Verlust.
Daytrading heißt dieser neue Trend aus Amerika, der jetzt auch Münchner Anleger mit Börsenfieber ansteckt. Anfang November
eröffnete die Berliner trading-house.net AG hier den ersten privaten Börsenhandelsraum; nur zwei Tage später folgte die
Konkurrenz, die Actior Trading Center GmbH. Das Konzept der Anbieter ist einfach: spekulieren wie die Profis, zumindest
in technischer Hinsicht. "Wer bisher seine Order an der Börse platzieren wollte, musste bei Ausführungen durch die Bank
mit erheblichen Verzögerungen rechnen", erklärt Robert Seebach, Leiter der Münchner Filiale. "Bei uns dauert sie gerade mal
eine Sekunde." Und auf die kommt es an, denn die Kunden betreiben keinen konventionellen Aktienhandel; sie spekulieren mit
riskanten Termingeschäften, mit Wetten auf die Entwicklung bestimmter Märkte. "Mit kleinen Einsätzen kann man da eine große
Hebelwirkung erzielen", so Seebach. Im Klartext: viel gewinnen, aber auch viel verlieren. Die meisten Kunden kaufen und
verkaufen ihre Futures zigmal am Tag.
Billig ist so ein Arbeitsplatz im Trading Center nicht. Rund 600 Mark pro Woche oder 1300 im Monat kostet die Miete, Gebühren
für die Transaktionen fallen extra an. Doch die meisten bleiben ohnehin nur einige Monate, um sich schulen zu lassen und
arbeiten danach zu Hause. "Diese externen Kunden sind eigentlich unser Hauptgeschäft."
Manchmal kommen aber auch Glücksritter, die hier die schnelle Million machen wollen, ohne jedwede Erfahrung. Eine Einstellung,
die Seebach absurd findet: "Ich würde ja auch keine Operation vornehmen, nur weil ich mal ein Buch über Chirurgie gelesen habe."
Wer noch keine Kenntnisse nachweisen kann, muss eine zweitägige Schulung durchlaufen; danach gibt es die Möglichkeit, in einer
Simulation Erfahrung zu sammeln. "Fast alle üben mehrere Wochen und Monate", so Seebach. "Glücklicherweise", findet auch einer
der Kunden, "denn ich habe am Simulator viel verloren." Die Gefahr sei, dass man größenwahnsinnig werde, so der Anfänger;
"nach einem guten Tag hält man sich für unbesiegbar".
Ohne Kenntnisse keine Chance
" Wer ohne Kenntnisse sofort einsteigen will, bekommt bei uns gar kein Konto", verspricht auch Melanie Epp, Sprecherin von
trading-house.net. Das liege schließlich im eigenen Interesse: "Jemand, der nach einer Woche 25 000 Mark verloren hat, wird
nicht lange unser Kunde bleiben. Und der Misserfolg ist vorprogrammiert. Ich mag das Klischee nicht, dass Day-Trading ein
Glücksspiel sei", ärgert sich Seebach, "wir sind keine Zocker." Stattdessen gehöre zum Erfolg die Börsenerfahrung ebenso wie
die richtige Methode zur Auswertung der Charts. Spielertypen sind hier falsch, denn es geht um Geldverdienen, nicht um Vergnügen.
Wer sich auskennt, so Seebach, kann seine Gewinnwahrscheinlichkeit über 50 Prozent bringen. Riskant bleibt Daytrading dennoch:
"Nach einer US-Statistik überleben nur 30 Prozent der Händler", gesteht Epp. Für Deutschland gibt es noch keine Zahlen, aber
"mehr als die Hälfte schafft es nicht, sich am Markt zu behaupten".
Wer sich auf diese Geschäfte einlässt, sollte das nur mit Geld tun, das er notfalls auch verlieren kann. "Bei uns müssen die
Kunden 50 000 Mark im Depot unseres Börsenhandelspartners hinterlegen." Die Anbieer müssen dabei über Chancen und Risiken des
Handels aufklären. Das schreibt das Wertpapierhandelsgesetz vor. "Beim Day-Trading gibt es einen besonderen großen
Aufklärungsbedarf", glaubt Jürgen Oberfrank, Pressesprecher des Bundesaufsichtsamtes für den Wertpapierhandel, "schließlich sind
Futures und Optionen die riskantesten Anlageformen überhaupt." Neben den eher allgemeinen Gesetzbestimmungen soll deshalb in
nächster Zeit über genauere Anweisungen und Auflagen speziell für Trading-Center nachgedacht werden. Vom Erfolg des Day-Trading
ist Seebach überzeugt: "Es gibt viel Privatvermögen und kaum alternative Anlageformen, die ähnlichen Gewinn versprechen." Die
Leute wollen sich nicht mehr mit niedrigen Zinsen zufrieden geben, sondern am großen Verdienst teilhaben. In einigen Jahren,
glaubt er, wird daraus ein neues Berufsbild entstehen mit einer richtigen Ausbildung. Day-Trading sei alles andere als ein Spiel,
sondern harte Arbeit, "vielleicht das härteste Geschäft der Welt".
Beispiel Wolfgang Z.: Seit Dezember verbringt er 25 Stunden pro Woche im Trading-Center am Simulator: "Ich habe noch zu wenig
Erfahrung, aber in ein paar Wochen geht es richtig los. Wenn es sich positiv entwickelt, werde ich Day-Trading zum Hauptberuf
machen." Wie viele deutsche Anleger schon am riskanten Handel teilnehmen, lässt sich nicht sagen. "Wir haben noch keinen genauen
Überblick", gibt Sabine Lautenschläger vom Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen zu, "der Markt ist noch zu neu." Gegründet im
Oktober 1998, ist trading-house.net das älteste und größte (sieben Center und 250 Kunden) Unternehmen der Branche.