Hannoverische Allgemeine: Daytrading ist wie Formel-1-Fahren
15.04.2000
Wenn es an der Börse auf und ab geht, ist Kurt Schicht (Name geändert) so richtig in seinem Element. Seine Bilanz
kurz nach Handelsschluss kann sich sehen lassen: "2800 Mark hätte ich heute verdient." Noch steht der Gewinn nur
auf dem Papier. Der Österreicher sitzt im Trainingsraum der Trading-House.net in Berlin - und macht Trockenübungen
als Daytrader.
Hoch über der Friedrichstraße, im sechsten Stock des Büro- und Einkaufzentrums Quartier 207, hat Rafael Müller
kürzlich die vierte Dependance seiner Firma eingeweiht. Vor zwei Jahren machte sich der ehemalige Bankmanager
selbständig und eröffnete in Berlin das erste Börsenhandelszentrum für private Anleger in Deutschland. Von der
Schulung über Computer und Datenleitung bis zum Handels- und Informationssystem wird alles rund um Börsenhandel
angeboten.
Wer zu trading-house.net AG kommt, sucht allerdings einen besonderen Reiz - und den schnellen Gewinn. Gehandelt
wird nicht mit Aktien, Anleihen oder Fonds, sondern über blitzschnelle Onlineverbindungen mit dem Riskantesten,
was die Börse zu bieten hat: mit Terminkontrakten, und zwar manchmal im Minutentakt. Die Anleger wetten darauf,
wie sich Börsenbarometer wie Dax oder Dow Jones entwickeln. Wer richtig liegt, kann in kurzer Zeit an minimalen
Kursunterschieden per Mausklick ein paar tausend Mark verdienen - oder genau so rasch alles verlieren. Daytrader
lockt der blitzschnelle Handel und Gewinn. Papiere werden Sekunden oder Minuten, allenfalls wenige Stunden behalten,
über Nacht nie.
Der Börsenrausch, der Deutschland erfasst hat, verleitet manche zu immer riskanteren Spekulationen. "Daytrading ist
wie Formel-1-Fahren" warnt der Österreicher Schicht, "einmal kurz nicht aufgepasst und man fliegt aus der Kurve".
Seit mehr als 20 Jahren hat Schicht alle Höhen und Tiefen an der Börse erlebt. Seit fünf Jahren lebt er nur noch vom
Börsenhandel, den er wie eine stetig wachsende Zahl von Anlegern von seinem Eigenheim bei Bregenz am Bodensee aus
betreibt. In Berlin ist er nur, um das Handelssystem der Firma zu testen.
Solche Profis sind nicht die Regel. Unter den 280 Kunden, die trading-house.net seit Gründung gewonnen hat, finden
sich viele Neueinsteiger, darunter Friseure, Metzgermeister, Studenten, Beamte und Arbeitslose, die den Traum vom
ganz großen Geld verwirklichen wollen. Dass das aber nicht so einfach ist, erfahren Möchtegernspekulanten schon in
den zweitägigen, kostenlosen Einführungskursen, die jede Woche in Berlin und München stattfinden.
Wie die Katze aufs Mausloch starren im Übungsraum ein halbes Dutzend künftige Tageshändler auf ihre Monitore. Links
steht der Handelsschirm, der den laufenden Kontrakt anzeigt, rechts der Infoschirm, auf dem Kursverläufe blinken.
Jeder Punkt, den der Dax-Future nach oben oder unten geht, bringt 25 Euro - sofern man richtig gewettet hat.
Das ist bei privaten Tageshändlern aber eher selten der Fall. Die US-Wertpapieraufsicht stellte im letzten Jahr in
einer Auswertung der Transaktionen fest, dass fast drei Viertel der Daytrader, die den Profis in den Banken Konkurrenz
machen, "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit alles verlieren, was sie investiert haben". Manche
verkraften das nicht: Der Amoklauf eines gescheiterten Spekulanten endete auch hier zu Lande bereits mit mehreren
Toten. Trotzdem boomt das Geschäft weiter.
Die Bankaufsicht prüft mittlerweile jeden Betreiber. Außerdem hat die Branche eigene Sicherungsnetze zur Verlustbegrenzung
gezogen. Wer als Daytrader loslegen will, muss der Bank seine Kenntnisse und Vermögensverhältnisse offen legen und braucht
zur Kontoeröffnung wenigstens 50 000 Mark als Sicherheitsleistung. Ist mehr als die Hälfte davon verzockt, fällt der Vorhang -
das Konto wird gesperrt und der Händler vom weiteren Geschäft ausgeschlossen.
Für trading-house scheint sich das Geschäft mit den Daytradern in jedem Fall zu lohnen. Wer einen Handelsplatz mietet, zahlt
ab 1000 Mark netto im Monat. Seminare kosten von 500 Mark an aufwärts. Billiger geht's von zuhause aus, sofern die nötige
Hardware vorhanden ist. Einmalig 900 Dollar für die Software und monatlich gut 500 Mark fürs Informationssystem werden aber
auch fällig. Hinzu kommen 9 Euro pro Kontrakt (plus Börsengebühr), die bisher noch an eine Partnerbank der Berliner fließen.
Bereits in einem Jahr will trading-house aber selbst den Sprung zum Wertpapierhandelshaus geschafft haben.