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Freundin: DAY TRADING - FIEBERN AUF DIE SCHNELLE MARK
09.06.1999   
Nervös spielt Kate mit der PC-Maus: long gehen oder nicht, das ist jetzt die Frage. Wie gebannt starrt sie auf die bunten Kursverläufe auf dem Bildschirm. "Long gehen" heißt kaufen - in der Hoffnung, dass der Deutsche Aktienindex (Dax) bald steigen wird. Wird er? Kate entscheidet sich für Nein - um fünf Minuten später laut zu schimpfen: "Mist, der Kurs steigt - das wär´s gewesen!"
Der Dienstag hat für Kate Patterson nicht gut begonnen. 100 Mark sind bereits den Bach runtergegangen, und Kate wird vorsichtiger. Die 24jährige TV-Angestellte, die vor einem Jahr aus England zu ihrem Freund nach Berlin zog, spekuliert an der Börse. Doch nicht so, wie man es bisher kannte. Kate ist Day Traderin. "Freunde in Amerika haben mich auf die Idee gebracht - die verdienen damit richtig Geld! Außerdem hätte mein Deutsch noch nicht für einen anderen Job ausgereicht."
Im Gegensatz zu "normalen" Aktienkäufern, die ihre Order von Bankern ausführen lassen, sind Day Trader per Internet direkt mit den Börsen verbunden. Keine Berater, keine Zwischenhändler - es gibt nur sie, den Computer und den Aktienkurs. Ein Mausklick, und sie haben gekauft. Ein weiterer Klick, und schon ist die Aktie wieder verkauft. Genau dieses Tempo bringt Profit.

AM ABEND UM 1000 MARK REICHER



Anstatt langfristig zu investieren, setzen Day Trader auf schnelle Kursschwankungen innerhalb eines Tages. Sie halten ihre Aktien immer nur für ein paar Stunden, nie über Nacht. Denn steigt oder fällt der Kurs in der Nacht (weil z.B. wieder mal ein Finanzminister unerwartet zurücktritt), gibt's keine Chance einzugreifen - die Börse hat geschlossen, man kann nur hilflos zusehen, wie der Verlust größer und größer wird ...
Blitzschnelles Entscheiden, maximales Risiko - Nervenkitzel auf eigene Rechnung. Day Trader gelten als die Glücksritter der Branche, als Spieler, die in der Börse eine Art Las Vegas sehen. Ein Vergleich, den Kate nicht mag: "Hier geht's nicht um Glück, sondern um Wissen. Nur wer in Politik und Wirtschaft auf dem laufenden ist, kann etwas verdienen. Day Trader brauchen Verstand und eiserne Disziplin - Zockermentalität allein bringt dabei niemanden weiter!"

"NUR KNOW-HOW MACHT REICH - ZOCKER HABEN KEINE CHANCE"



Dabei hat Kate sich sogar für eine noch riskantere Variante entschieden. Sie handelt fast ausschließlich mit Dax-Futures (Termingeschäfte mit Aktien). Eine hochspekulative Sache, die schnell große Verluste, aber auch ebenso hohe Gewinne mit sich bringen kann. Dafür hat Kate die geforderten 50 000 Mark Startkapital zusammengekratzt (soviel verlangt die Sofortbank, bei der sie ihr Depotkonto hält, als Sicherheit) und seit April einen "Arbeitsplatz" bei der Trading-house.net AG gemietet. Dort sitzt sie von 9 bis 17 Uhr, fünf Tage die Woche. Obwohl man diese Art Aktienkauf auch zu Hause machen kann, agieren die meisten Day Trader von sogenannten Handelsräumen aus. Die Trading-house.net AG hat 1998 den deutschlandweit ersten Handelsraum in Berlin eröffnet. Inzwischen folgte Hamburg - Bremen, Düsseldorf, Frankfurt, Hannover, Köln, München und Mallorca sind bis Ende ´99 geplant. Für 1300 Mark Monatsmiete stehen jedem Trader der Online-Börsenanschluss und zwei Bildschirme (einer zur Kursbeobachtung, einer zum Kaufen und Verkaufen) zur Verfügung - ein optimal ausgerüsteter Handelsplatz zu Hause käme kaum billiger. Außerdem gibt es alle nötigen Info-Quellen wie Zeitschriften, Nachrichtenagenturen etc. Nicht zu vergessen der soziale Aspekt: "Day Trader sind wie eine Familie", meint Kate. "Jeder hilft jedem, freut sich mit bei Gewinnen, tröstet bei Verlusten ..." Aber die versucht Kate sowieso zu minimieren. "Nach Feierabend nehme ich mir die Kursverläufe des Tages vor, versuche, daraus für später zu lernen." Denn jeden Fehler bezahlt man mit teurem Lehrgeld - steigt der Dax z.B., obwohl Kate auf Sinken gesetzt hat, kann das richtig Geld kosten. Deshalb hat sich Kate ein Limit gesetzt: 400 Mark Verlust - sobald sie die erreicht hat, macht sie Schluss für den Tag: "Nichts ist fataler, als zu versuchen, eine Fehlentscheidung mit Gewalt wieder auszubügeln", erklärt sie. So mancher hat dabei ein Vermögen in den Sand gesetzt. In Amerika, der Heimat des Day Tradings, heißt es, dass jeder dritte Anfänger nach kurzer Zeit das Handtuch werfen muss, weil das Startkapital weg ist. Profis dagegen können im Schnitt Tagesgewinne von 500 bis 1000 Dollar einfahren.

"TEURES LEHRGELD: JEDER DRITTE ANFÄNGER MUSS AUFGEBEN"



Ein Verdienst, von dem Kate bisher nur träumt. Noch ist das, was ihr nach Steuer (Futures-Gewinne müssen seit 1.1.99 wie normale Aktienspekulationen versteuert werden) übrigbleibt, gerade mal ein nettes Taschengeld. Gelebt wird von dem Einkommen ihres Freundes. Doch in einem Jahr soll Bilanz gezogen werden: "Wenn ich dann gut im Plus bin, mache ich weiter", plant sie. Wenn nicht, sucht sie sich eben einen "normalen" Job - auch wenn ihr der tägliche Nervenkitzel fehlen wird.
17 Uhr, die Frankfurter Börse schließt. Für Kate ein besonders erfolgreicher Tag: 700 Mark plus verbucht die Bank auf ihrem Konto - ein Verdienst, auf den sie stolz ist. Und von dem sie hofft, dass er eines Tages selbstverständlich wird ...

DAY TRADING: TIPS & INFOS

  • Zweitägiges kostenloses Probe-Traden bei der Trading-house.net AG. Infos unter: Tel.: 030/59991100.
  • Howard Abell: "Erfolgsrezept Day Trading - schnelle Gewinne an schnellen Märkten" (FinanzBuchVerlag, 206 S., 79 Mark).
  • Robert Barnes: "Das Buch zum Day Trading" (TM Börsenverlag, 256 S., 89 Mark).
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