Frankfurter Allgemeine: Eine Mischung aus Las Vegas und Wall Street
24.08.99
In Deutschland gibt es immer mehr Daytrader
Von Christine Scharrenbroch
Frankfurt, 23. August. Für den 43 Jahre alten Schauspieler ist es "eine spannende Art, Geld zu verdienen".
Zwei bis drei Tage in der Woche verbringt er im kürzlich eröffneten Handelsraum der Fastrade GmbH in Köln.
In der modern eingerichteten Büroetage hat der Leiter einer Theatergruppe einen professionellen Handelsplatz
gemietet. Ausgestattet mit weltweiten Marktdaten, Echtzeitkursen und Nachrichtenagenturen, handelt der Kölner
vor allem den Dax- und den Euro-Bund-Future sowie Optionen, also Wetten auf die zukünftige Entwicklung von
Märkten. Der Rechner ist direkt mit der Terminbörse Eurex verbunden, die Aufträge werden über das Internet
in knapp einer Sekunde ausgeführt.
Der Schauspieler gehört zu der wachsenden Zahl der so genannten Daytrader - Privatanleger, die versuchen,
selbst kleinste Schwankungen an den Börsen auszunutzen, und bis zu 100 Abschlüsse am Tag machen. In den
Vereinigten Staaten werden sie Daytrader genannt, weil sie ihre Werte nicht länger als einen Tag halten.
Am Nachmittag muss alles wieder verkauft sein. Manche geben gar den Beruf auf, um sich ganz dem Handel an
der Börse zu widmen.
Auf seinen drei Bildschirmen ruft sich der Kölner Kleinanleger die Informationen auf, die ihm Hinweise auf
die künftige Kursentwicklung geben können: Beispielsweise den Dollar-Verlauf, Kurse und Umsätze der Day-Aktien
sowie verschiedene Indikatoren. Eine fundierte Chart-Analyse hält er für unerlässlich, will man als Daytrader
Erfolg haben. Erwartet der Händler einen steigenden Dax, kauft er den Dax-Future. Bewegt der sich einige Punkte
nach oben, stößt er ihn Sekunden oder Minuten später wieder ab. Bei einer Veränderung von 5220 auf 5225 Punkte
hat er mit einem Dax-Future 250 DM verdient. Für jeden Future-Kontrakt (Kauf und Verkauf) wird bei Fasttrade
eine Gebühr von 18 Euro fällig. Der Kauf von Optionen kostet 7 Euro. Außer Futures und Optionen sollen bald
auch Aktien gehandelt werden können.
Jeden Abend erhalten die Kunden die Abrechnung einer Frankfurter Wertpapierhandelsbank, über die die Transaktionen
verrechnet werden. Auf "einige tausend Mark" schätzt der Schauspieler, der sich seit zehn Jahren nebenberuflich
an der Börse betätigt, seinen monatlichen Zuverdienst. Bisher hat er von zu Hause über Telefon gehandelt, was
langsamer und teurer gewesen sei.
30 000 Euro Startkapital
Daytrader kann im Prinzip jeder werden. Voraussetzung ist eine Einlage von 30 000 Euro bei der Verrechnungsbank.
Neben der monatlichen Platz-Miete von 1400 DM plus Mehrwertsteuer und den Abschlussgebühren pro Kontrakt werden
außerdem einmalig etwa 2000 DM für die Bereitstellung der Handelssoftware und des Börseninformationssystems fällig.
Bevor es ernst wird, erhalten die angehenden Daytrader eine zweitägige Einweisung.
Das Interesse an der aus den Vereinigten Staaten stammenden Art des Börsenhandelns wächst auch hierzulande. Beinahe
jede Woche eröffnet ein neuer Börsenhandelsraum für Privatpersonen. Einer der Vorreiter ist die Trading House AG aus
Berlin. Im vergangenen Oktober gründete der frühere Börsenhändler Rafael Müller in Berlin das erste Büro mit acht
Plätzen. Nächste Woche eröffnet er dort schon sein viertes Büro. Außerdem wurden inzwischen im Franchise-System
Filialen in Bremen, Bielefeld und Düsseldorf aufgebaut. Noch im Oktober sollen Frankfurt am Main und Hamburg folgen.
Mehr als 100 Plätze seien zurzeit vermietet, berichtet Sprecherin Melanie Epp.
"Viele Kunden haben bisher schon gehandelt, meist von zu Hause über das Telefon, und warten geradezu auf das neue
System", sagt Epp. Die Trading-House-Daytrader sind fast alle männlich, nur vier Frauen versuchen sich derzeit im
Spekulieren. Das Spektrum reiche von Studenten über Berufsaussteiger bis hin zu Rentnern. Epp beteuert, die Kunden
würden nicht nur intensiv geschult, sondern auch sorgfältig ausgewählt: "Jemanden, der sich sein Startkapital
zusammengepumpt hat, würde ich nicht nehmen." Gleichwohl habe man auch schon einige wenige Fälle gehabt, wo Trader
schnell viel Verlust gemacht hätten.
Ähnliche Expansionspläne hat auch die Actior Trading Center GmbH aus Hamburg, die momentan kapp 30 Plätze in Hamburg,
Magdeburg und Düsseldorf vermietet hat. Dazu kommen etwa 25 Daytrader, die den Actior-Service von zu Hause aus
nutzen - eine Möglichkeit, die die meisten Handelsräume anbieten. Auf den Handel von zu Hause setzt auch die Unity
Finance AG aus Ettlingen, die derzeit 200 Kunden bedient.
Für eine temporäre Erscheinung hält Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, die
Daytrading-Handelsräume. Sicher gebe es manche, die das professionell machten und Erfolg hätten. "Einige Laien
allerdings werden sich eine blutige Nase holen und mit mehr Erfahrung und weniger Geld da rausgehen." Viele Daytrader
gingen ein Risiko ein, das sie nicht überschauten. Mit Laienwissen an der Börse zu handeln, hält er für "eine Mischung
aus Las Vegas und Wall Street".
"Ich bin überzeugt, dass manch einer seine Existenz verspielt", sagt Kurz, der eine Art Goldgräberstimmung bei den
Gründern von Handelsräumen ausmacht. Auch wenn es sicher Einzelfälle gebe, die es schaffen könnten, fordert er, die Risiken
deutlicher zu machen. Und das Starkapital von etwa 50 000 DM müsse eine Art "Spielgeld" sein. "Wenn das Handeln so einfach
wäre, dann dürfte ja kein professioneller Händler Verlust machen", sagt Kurz. "Und ich kenne einige, die Verlust machen."
Er kritisiert, dass in den Handelsräumen vor allem Futures gehandelt werden und nicht erst ein Einstieg mit Aktien versucht
wird. "Das ist das Riskanteste vom Riskanten." Einer Studie zufolge verlieren in Amerika 7 von 10 Daytradern Geld. Nur 13
Prozent erwirtschaften Gewinn.
Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut hält das Daytrading als Geldanlage nicht für sinnvoll. "Wem es Spaß macht,
der soll es tun, aber nicht erwarten, dass er langfristig mehr Geld verdient, als wenn er breit gestreut Aktien kauft und
diese einige Jahre liegen lässt." Die Transaktionskosten wie Miete und Gebühren müssen erst einmal wieder reingeholt werden.
Das gelinge keinem Privatmann auf Dauer. In Amerika geäußerte Befürchtungen, Daytrader könnten die Märkte noch unberechenbarer
machen, teilt Leven für Deutschland nicht. "Beim Dax- und Bund-Future schwimmen sie ohnehin mit dem Kurs, entfalten keine
Wirkung." Bei einigen begehrten Werten am Neuen Markt, beispielsweise den Internet-Aktien, könne es dagegen zu Einflüssen
kommen. Allerdings erst bei einer größeren Zahl von Privatanlegern. Das Potenzial für Daytrader hierzulande schätzt Leven
nichtsdestotrotz auf einige tausend. Konkurrenz machen den Handelsräumen zudem Discount-Broker wie etwa Consors, die Direkt
Anlage Bank und Fimatex, eine Tochtergesellschaft der Société Générale, aber auch Direktbanken wie Comdirekt und Bank 24.
Mehrere hunderttausend Kunden nutzen bereits die so genannte Online-Brokerage und handeln Wertpapiere über das Internet.
"Das Angebot der Discount-Broker wird immer besser, vielleicht brauchen wir die Handelscenter irgendwann gar nicht mehr"
sagt Fimatex-Marketingleiter Thomas Schmidt. Er räumt aber auch ein, dass "wir im Service noch viel drauflegen müssen".
Vor allem die Verfügbarkeit müsse verbessert werden. Bei extrem hoher Nachfrage sei das System manchmal überlastet.
Ermöglicht werde demnächst auch die kostenlose Abfrage von - zahlenmäßig begrenzten - Realzeitkursen. Bei der bisherigen
Gebühr von 9 Cent je Minute sei es für den Anleger zu teuer, die Realzeitkurse den ganzen Tag über laufen zu lassen, gibt
Schmidt zu.
Etwa 20 Prozent der 800 deutschen Fimatex-Kunden betrieben ein "sehr aktives Trading". Dass mehrere tausend Deutsche zu
Daytradern im engeren Sinne werden könnten, glaubt Schmidt nicht. "Wer gibt schon seine Stelle dafür auf?" Nur die wenigsten
verfügten zudem über die wichtigste Eigenschaft für den Börsenhandel: Disziplin. "Wer morgens schon die Dollarzeichen in den
Augen hat und nachmittags einen Luxuswagen kaufen will, ist verloren."