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Finanztest: Gewinne aus der Blackbox
8/1999   
Mit dem nötigen Kleingeld können Anleger direkt an der Börse spekulieren. Über den Kapitalismus mag Hans-Joachim Hoffmann nicht reden. Achselzucken, das ist kein Thema, seit Jahren nicht mehr. Hoffmann ist in der DDR aufgewachsen, in Potsdam, und natürlich hat er sich damals nicht vorstellen können, daß er einmal hier sitzt, in einem winzig kleinen Büro der Firma Trading House AG, zwei Bildschirme vor der Nase, einen für das halbe Dutzend Kurven, das nötig ist, um die Ausschläge des Dax wenigstens halbwegs begreifbar darzustellen, den anderen für das Programm, mit dem er seine Kauf- oder Verkaufsorders an die Computerbörse "Eurex" absendet. Hoffmann handelt mit jeweils einem Dax-Future im Gegenwert von 25 Euro pro Indexpunkt. Ein ziemlich teures Papier also. Der Dax steht heute bei etwa 5 220 Punkten, sein Future ist gerade 130 500 Euro wert. Was dieser Stand des Dax bedeutet und warum man mit den Auf- und Abbewegungen des Index Geld verdienen kann - nun, das kann Hans-Joachim Hoffmann so genau auch nicht erklären. Er kratzt sich am Kopf. Tja.

Was ist ein Optionsgeschäft?



Sicher, Hoffmann ist noch nicht lange im Geschäft. Aber selbst Anlageberater müssen nachdenken, wenn sie einem Kunden erklären sollen, was ein Optionsgeschäft auf einen Aktienindex ist. In der Regel raten sie ihren Kunden davon ab. Der finanztechnische Hintergrund der Operation ist esoterisch, die Risiken für Privatanleger sind kaum kalkulierbar, und die mutmaßlich smarten jungen Männer, die mit so etwas Geld machen, sitzen fast automatisch auf der moralischen Anklagebank rechtschaffener Bürger. "Kasinokapitalismus" hat Oskar Lafontaine das genannt, der linke Finanzminister, der dann so plötzlich aus dem Amt schied.

Hans-Joachim Hoffmann sieht wirklich nicht aus wie einer dieser smarten jungen Männer mit Handy und Laptop. Und auch das Wort vom Kasinokapitalismus läßt ihn kalt. Er zuckt wieder nur die Schulter und sagt; "Es kommt darauf an, daß man richtigliegt." Hoffmann ist 44 Jahr alt, verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Fernmeldetechnik hat er damals gelernt, ging nach der Wende in den Tiefbau. Zwei Firmen gab es in Potsdam, "aber die sind ein bißchen zu groß geworden", sagt er. "Und Kredite hatten die beiden bei derselben Bank. Die hat ihnen dann irgendwann Bescheid gesagt." Danach war Hoffmann arbeitslos, "läuft ja nicht mehr im Bau."

Warum dann aber das hier? Ein Leben als Daytrader? Er will sein eigener Chef sein, sagt der Fernmeldetechniker, eines Glückes Schmied. Und hier am Terminal sieht er seine Chance.

Daytrader. Noch vor einem Jahr war hierzulande nicht einmal das Wort bekannt. Der Computer und einige besonders schlaue Banker machen es heute möglich, daß Leute wie Hoffmann an der Börse mithalten, ohne daß ihnen ein Banker alles vorkaut, ständig dazwischenfunkt und dafür auch noch Gebühren abknöpft, die den Gewinn gleich wieder auffressen.

Die Idee stammt aus Amerika. Als freier Online-Spekulant sein Geld zu verdienen, ist in den USA seit zwei Jahren ein Renner, und im letzen Jahr beschloß Rafael Müller, Aktienhändler bei Merryll Lynch, die Idee auf Deutschland zu übertragen. Er gründete mit ein paar Gleichgesinnten in Berlin die Trading House AG, die seit Oktober ihre besonderen Dienste anbietet, die sich allein an die Börse trauen.

Chance für Volksbroker



Ganz mittellos allerdings dürfen die Volksbroker nicht ankommen. Die Mindesteinlage beträgt 50 000 Mark, und Müllers Partner Bank in Frankfurt prüft obendrein nach, ob der Kunde außer diesem Spielgeld noch genügend andere Einkünfte hat. Hoffmann ist in diesen Dingen schweigsam, aber die Hürde hat er mit Erspartem geschafft. Daytrader müssen verlieren können, wie Hoffmann mit dem Stolz des Eingeweihten doziert.

Etwa 100 Kunden haben sich bisher bei Trading House auf dieses Abenteuer eingelassen. Am Anfang steht ein zweitägiger, kostenloser Lehrgang, 1 300 Mark kostet danach die Monatsmiete für einen komplett eingerichteten Online-Handelsplatz mit zwei Monitoren und Standleitungen zu einem Zentralrechner, der die Order ausführt und zugleich die kontoführende Bank über die Geschäfte ihres Kunden informiert - die Bank storniert den Auftrag, wenn die Sicherheitsmargen überschritten sind.

Deutlich niedrigere Gebühren



Mehr als zwei Sekunden sind für eine Transaktion nicht nötig. Sie kostet noch einmal 9 Euro zusätzlich, die sich Trading House und Bank gutschreiben - ein Bruchteil der Gebühren, die deutsche Banken ihren Kunden bisher noch für Aktiengeschäfte aufbrummen. Die Faustregel besagt, daß mit dem Gewinn von eineinhalb Dax-Punkten täglich die Miete bezahlt ist.

Grimmig zeigt Hans-Joachim Hoffmann auf den Bildschirm. Was soll er auch mit den Banken? Was die können, das macht er jetzt selber, besser und vor allem auf eigene Rechnung. Hier auf der Computergrafik kommen die Candlesticks nie zur Ruhe, die kleinen Säulchen, die im Zweiminutentakt die Bewegung des Dax abbilden. Ständig blinkt ein neues auf, schwarz, wenn der Index in dieser Zeit sank, weiß, wenn er angestiegen ist, mal länger, mal kürzer, je nachdem, wie groß der Ausschlag war.

Ein Wirtschaftsthriller im Ameisenformat läuft hier ab, pausenlos und so schnell, daß niemand Zeit hat, nach den tieferen Ursachen der Kursbewegungen zu fragen, die hinter den Grafiken stecken. Im Einführungskurs hatte der Referent gesagt: "Sie lernen hier keine Autos bauen, sondern fahren." Das hat allen eingeleuchtet. Wozu über Probleme nachdenken, die selbst Fachleute kaum verstehen.

Nicht die Ursachen sind interessant, nur die Wirkungen. Wer ihre Signale und Verkehrszeichen auf dem Computerterminal richtig liest und schnell reagiert, hat gewonnen. Alles ist ein mögliches Geschäft, auch der Kurssturz, wenn man nur seine eigenen Positionen rechtzeitig "short" gestellt hat.

Wir schauen uns die Dax-Kurve an, die von einem ersten Mittagshoch inzwischen ziemlich stetig abfällt. "Zweitausend Mark wären da schon dringewesen", meint er. Aber er war ja nicht dabei, ist nicht short gegangen: Auf dem Scheitelpunkt hätte er dann eben jenen Dax-Future verkauft, den er dann erst später, unten in der Talsohle gekauft hätte.

Verkehrte Welt? Für Hoffmann nicht mehr als anderswo auch. Bekannte aus früheren Tagen haben ihn gefragt, ob er denn nicht endlich wieder arbeiten wolle. Sie verstehen nichts. "Das ist doch Arbeit", sagt er, "harte Arbeit", und hofft, daß er in einem halben Jahr davon sogar leben kann.

Jetzt ist das noch nicht möglich. Seine Bilanz ist zwar positiv, der größte Tagesverlust lag bei 1 000 Mark, der größte Tagesgewinn bei 2 000 Mark, ein paar hundert Mark sind normal, aber manchmal sind auch Miese dabei: Am Ende reicht es noch nicht ganz, um eine Familie zu ernähren.

Tatsächlich beginnt sein Arbeitstag, der Handelstag der Computerbörse, um 9 Uhr und endet um 17 Uhr. Inzwischen weiß Hoffmann, daß man lediglich um die Mittagszeit auch mal Pause machen kann. Aber nicht zu lange, "dann kommen die Amerikaner", und es geht wieder los mit short und long und der Jagd nach Dax-Punkten, die hier bares Geld werden sollen.

Hoffmann lernt täglich hinzu, es muß später nicht immer nur der Dax-Future sein, den er jetzt am besten kennt. Doch jedes Otionsgeschäft hat seine Eigenarten, was hier richtig war, kann dort falsch sein, noch mehr Lehrgeld steht bevor. Dabei lassen ihn schon heute die Candlesticks beim Frühstück nicht ruhen, und abends zu Hause geht es immer noch weiter. " Es kann ja ständig was passieren, auch im Urlaub", grübelt er, und gibt zu, daß sein Leben heute mit Wirtschaftsnachrichten und Aktienkursen ausgefüllt ist.

Und warum auch nicht? "Beim Bau war das auch so", sagt der Ex-Fernmeldetechniker. "Da hab ich auch noch nachts daran gedacht." Nur ging es damals um die Baustelle, um den Ärger mit dem Chef, auch um die Sorge um den Arbeitsplatz. Die wenigstens ist er jetzt los, das freut ihn sichtbar, aber ein wenig nervös beginnt er jetzt doch mit der Maus zu spielen. Zweitausend Mark hat ihn das Gespräch gekostet, die Dax-Kurve ist jetzt sehr eindeutig, und so wie sie in voller Schönheit auf dem Bildschirm steht, wäre es leicht gewesen, oben einzusteigen. Dann könnte Hoffmann jetzt nach Hause gehen, zweitausend Mark Gewinn an einem Tag reichen allemal auf dem elektronischen Parkett der fixesten Broker, die es je gab.

Jetzt hat er genug geredet, jetzt will er es wieder selber wissen. Die Talsohle scheint überschritten, aber wohin die Reise geht, ist noch völlig unklar. "Mal sehen", sagt er, "ein schöner Tag ist das heute." Er meint nicht die Sonne, die draußen scheint, er sieht schon nur noch seinen schwarzen Bildschirm mit den blinkenden Kurven. Und ihre Nachricht für den Daytrader aus Potsdam ist unmißverständlich: Ein schöner Tag ist ein Tag, an dem der Dax so verrückt spielt wie heute.
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