Euro Wirschaftsmagazin: Zeit-Spiel November 1999
11/1999
Day Trading: Abkassieren im Sekundentakt.
Cash machen - und das jeden Tag. Fette Gewinne und jede Menge Spannung. Aber da ist ein kleiner Haken
Bunte Balken blinken auf dem Bildschirm. Charts werden eingeblendet. Kurs-Tabellen leuchten auf und immer
wieder rattern neueste Nachrichten über das Fax. Ein Klick mit der Maus entscheidet über Gewinn und Verlust.
Im Ernstfall würde ein Fehler viel Geld kosten, doch hier ist es nur ein Spiel - noch. Denn irgendwann
werden die Seminarteilnehmer auf die "Börsen losgelassen", und dann machen sie mit beim echten Spiel ums
große Geld.
In Deutschland boomen Kurse in denen Anleger zu Day Tradern ausgebildet werden. Alle träumen vom Reichtum,
lernen das 1*1 der Börse und üben, wie man mit Gewinn oder Totalverlust umgeht. Die Profis mahnen zur
Vorsicht, lassen Insidertips raus. "Meiden Sie den Handel am Nachmittag, wenn die Amerikaner einsteigen",
warnt der ganz in schwarz gekleidete Referent immer und immer wieder. Der Markt werde dann viel zu volatil.
Es gebe einen Kunden, der jeden Handelstag pünktlich um zwölf Uhr mittags von seiner Frau vom Bildschirm
weggeholt wird. "Der hat richtig viel Geld gemacht", fährt der Vortragende fort.
Bevor das große Geld wartet, ist knallhartes Lernen angesagt. Die Seminar-Teilnehmer werden gedrillt:
Charts müssen ausgewertet, Aktien analysiert werden. Nur wer gut vorbereitet ist, hat im Ernstfall eine
Überlebenschance.
" Das funktioniert anscheinend nur rein nach technischen Signalen. Brauche ich denn gar keine Kenntnisse
über das Unternehmen und die Branche aus der die Aktie stammt?", will einer der Teilnehmer wissen.
"Oh nein", lautet die blitzschnelle Antwort des Seminarleiters, der von den Anwesenden wie ein Chash-Guru
verehrt wird. Lächelnd schüttelt er den Kopf und macht deutlich, dass das alles nicht so einfach gehe,
denn schließlich sei nicht der Computer kreativ, sondern der Mensch.
Blitzschnelle Reaktionen sind gefragt, wer zögert verliert, wer die Nerven nicht im Zaum halten kann,
ist schnell auf der Verliererstrasse. Tatsächlich setzen sich Day Trader nicht lange mit Konjunkturlagen,
Zinstendenzen und Ertragsentwicklungen auseinander. Sie beobachten ausgewählte Chartindikatoren, entscheiden
sich für den Kauf und warten Sekunden oder Minuten, bis sie den Future wieder abstoßen. Und eines der obersten
Gebote lautet: "Unbedingt abends das Depot glatt stellen! Alles andere ist zu gefährlich", warnt der Seminarleiter.
Langsam, aber sicher scheint in Deutschland das Day-Trading-Fieber zu steigen. Bis Ende des Jahres sind fast
alle Einführungsseminare bei der trading-house.net AG in Berlin voll besetzt. Jeden Tag in der Woche stiefeln
rund zehn neue Interessenten in die Fasanenstrasse Nummer 4. Wie viel davon wirklich einen Vertrag mit dem
Haus abschließen, weiß Melanie Epp nicht.
Sie hat die trading-house.net AG zusammen mit Rafael Müller im Oktober 1998 gegründet. Derzeit arbeiten Epp
und Müller daran, den Kunden auch den Handel mit deutschen und amerikanischen Aktien und den Zugriff auf
Xetra zu ermöglichen. Noch können nur Futures auf den Dax gehandelt werden.
Die trading-house.net AG bietet Day Tradern für 1500 Mark monatlich einen vollausgestatteten Arbeitsplatz -
unter anderem ein Handelssystem mit direkter Leitung zur Börse und eine professionelle Chartanalyse-Software.
Jeder Handel, Kaufen und Verkaufen, kostet weitere 38 Mark.
Um die Kosten zu verdienen, muss der Händler jeden Tag zwei Punkte auf den Dax-Futures gutmachen, rund 100 Mark.
Das hört sich nicht nach viel an. Dennoch sind die meisten Teilnehmer des Seminars skeptisch: Sie haben schon
Lehrgeld an den Börsen zahlen müssen.
In seinem ersten Jahr habe er viel Glück gehabt und viel verdient, erzählt Seminarteilnehmer Fritz Zimmermann,
der sich mit Börsengeschäften neben seinem Job als Taxifahrer etwas dazuverdienen möchte. "Egal, was ich tat,
alles hat geklappt." Die Folge des Erfolges war für ihn: "Das Denken explodiert." Als die ersten Verluste
auftraten, konnte er es nicht glauben und schaffte es nicht, sie zu begrenzen. "Diese Emotionen kannte ich
vorher nicht. Die gehen mit einem durch", sagt Zimmermann im Rückblick.
Die Psyche ist der größte Feind eines Day Traders. Nur wer Nerven wie Stahlseile besitzt, über eine gehörige
Portion Geduld verfügt und nicht beim ersten Verlust in Panik gerät, hat überhaupt eine Chance. Der Day Trader
kauft nicht, weil er Informationen hat, sondern weil er hofft, dass der Kurs in kurzer Zeit große Sprünge
vollziehen wird. Der private Händler wettet auf das Verhalten vieler anderer Marktteilnehmer, die er jedoch nicht
kennt. Eine Möglichkeit, sich abzusichern, gibt es nicht. Insofern hat Day Trading mehr mit Roulette als mit
Kapitalanlage zu tun, denn auch im Casino glauben die Spieler, Macht über den Zufall zu haben.
Day Trader brauchen keine Kenntnis der Konjunkturdaten
Dem Bann des Day Trading zu verfallen, ist nicht schwer. Jede Minute erscheint auf dem Bildschirm eine neue
Candlestick-Formation. Das ist ein Balken, der den Kursverlauf während dieser Zeiteinheit mit Hoch- und Tiefstand
abbildet. Der Day Trader kann zuschauen, wie sich die Formation entwickelt. "Gerade war sie doch noch grün, jetzt
ist sie rot", ruft eine Seminarteilnehmerin verwundert, als der Balken während der einen Minute seine Farbe wechselt.
Daran lässt sich ablesen, dass der Kurs innerhalb der sechzig Sekunden vom Plus ins Minus dreht. Drin bleiben?
Raus aus dem Future? Einsteigen? Das ist die Entscheidung, die der Day Trader sofort treffen muss. Jede Minute neu.
"Die Risiken des Day Trading sind die hohe Ereignisfrequenz und die Schnelligkeit der Rückmeldung über Geldgewinn
oder -verlust", sagt Iver Hand, Leiter der Abteilung Verhaltenstherapie am Universitätskrankenhaus in
Hamburg-Eppendorf. "So kann krankhaftes Glücksspielen entstehen - eine ständige Gratwanderung auch für
professionelle Händler", sagt der Verhaltenstherapeut.
Berufshändler sind in besserer Gesellschaft als Privathändler. Die Kollegen achten eher darauf, wenn einer droht
abzurutschen. Wird jemand überdurchschnittlich hektisch, ist das ein sicheres Zeichen. Außerdem herrschen in Banken
strikte Regeln, was ein Händler maximal riskieren darf. Jede Bank kann das gleiche Schicksal ereilen wie 1995 die
Barings Bank, die durch mangelnde Kontrolle eines Händlers zusammenbrach. "Das Verhältnis von Chance zu Risiko im
Tageshandel liegt bei 50 zu 50", sagt Kurt Bürkin, Investment Banker und zuständig für den Aktienhandel bei der
DG-Bank.
Zusätzlich sind Kontrollmechanismen eingerichtet, allesamt Anforderungen des Bundesaufsichtsamtes für den
Wertpapierhandel. Wer sich dieser Überwachung entzieht und den Rahmen überspannt, wird fristlos entlassen.
Auch das ist ein wichtiger Unterschied: Dem Privathändler wird nicht gekündigt, so dass ihm freisteht, Haus
und Hof zu verspekulieren. Zwar schließt die Wertpapierhandelsbank Carl Kliem Kunden von trading-house.net AG
vom Futureshandel aus, wenn deren Pflichteinlage von 50 000 Mark auf 17 000 Mark geschrumpft ist. Aber Nachschießen
ist möglich. Woher das Geld kommt, überwacht weder die Wertpapierhandelsbank noch die trading-house.net AG.
Ohne Kontrolle von außen können Privathändler leichter Opfer ihrer Psyche werden als professionelle Händler.
Besonders gefährdet, so Iver Hand, sind Personen, die schnell zu Geld kommen wollen, ja sogar davon träumen, alsbald
das Eigenheim verdient zu haben. Auch Menschen mit wenig ausgeprägtem Selbstwertgefühl und der Angst, von anderen als
Versager eingestuft zu werden, neigen zu fatalem Fehlverhalten im Day Trading. Auch die Gefahren dieser Einstellung
weist auch der Seminarleiter der trading-house.net AG hin; ein Auswahlverfahren oder eine Zugangskontrolle gibt es
jedoch nicht. In der Regel lassen diese Menschen ihre Verluste ansteigen anstatt auszusteigen. Meistens glauben sie,
dass sich das Blatt gleich wendet. Je mehr Verluste sie anhäufen, desto enger zieht sich die Schlinge zu. Denn der
Druck, durch Gewinne alles wettzumachen, steigt.
Das Geheimnis sind starke Nerven und eine gute Technik
" Von zehn Geschäften gehen sieben zum Nachteil für den Tageshändler aus, und nur drei zu seinem Vorteil",
weiß Joachim Schweinfurth aus der Fixed-Income-Abteilung der BNP (Banque Nationale de Paris) in Frankfurt.
Unerfahrene lassen ihre Verluste rund 30 Prozent zu hoch werden, weil sie sich nicht überwinden können, sie
zu realisieren, sondern hoffen, dass sich alles noch einrenkt. Der Betreffende muss also in den seltenen
ertragreichen Geschäften so viel Plus machen, dass er sich die kommenden Verlustgeschäfte leisten kann. Das
erzeugt hohen psychologischen Druck. "Profis schaffen es", so Schweinfurth, "ihre Verluste zu begrenzen,
sobald sich ein Minus abzeichnet. Der Unterschied zwischen Privat-und Berufshändler ist, dass der Berufshändler
seine Limits ganz konsequent ausführt."
Eine starke Psyche ist die eine Seite des Geheimnisses erfolgreicher Day Trader. Die andere ist die reine
Technik. Die trading-house.net AG richtet ihre Kunden auf die Chartanalyse aus. Wichtige Indikatoren werden
behandelt, jedoch nur wenige und oft zu oberflächlich. Zwar wird weiterführende Literatur empfohlen, aber
ausdrücklich genannt wird nur ein Buch.
" Candlestick Charttechnik" von Gebert und Hüsgen aus dem Börsenbuchverlag ist zwar eine exzellente Lektüre
für alle, die sich mit der Abbildungsform der Kurse als Kerzen beschäftigen wollen. Es geht jedoch nicht
auf Indikatoren, wie das sogenannte Bollinger-Band oder der Relative Stärke-Index ein. Der Rat "Erkennen
Sie den Trend" ist unter diesen Umständen für Einsteiger nicht zu verwirklichen. Ein gutes Buch über die
Indikatorenlehre ist "Trading mit Optionen und Futures" von Joe Ross, dessen Preis leider abschreckt: 390 Mark.
Day Trader im Futureshandel brauchen jedoch noch mehr Rüstzeug: Wie verhalten sich Futurmärkte? Welche
Strategien wenden Profis an? Themen dieser Art behandelt die trading-house.net AG nicht, wohl aber andere
Discount-Broker, etwa die Frankfurter Fimatex, eine Tochtergesellschaft der Société Générale.
Sie bietet Grundlagenseminare über Futures und Optionen an, über die Ermittlung der Preise, Orderarten,
Grundprinzipien des Tradings und Praxisbeispiele. Wer das Geschäft ernsthaft betreiben will, muss das wissen
und verstehen. Da lohnt sich eine Teilnehmergebühr von 295 Mark.
Eine Alternative zur trading-house.net AG in Berlin sind Discount-Broker noch nicht: Die Verbindungsleitungen
zur Börsen sind bisher nicht wirklich stabil. Zu viel ist in den vergangenen Jahren zu schnell installiert
worden. Da kann des passieren, dass die Leitung zur Börse zeitweise ausfällt. Für ernsthafte Day Trader ist
dieses Risiko nicht tragbar.
Das spricht für die Unternehmen wie trading-house.net AG. Zwei Dax-Future-Punkte hat ein Teilnehmer des
Einführungskurses in Berlin gerade gutgemacht. "Da kann ich ja nach Hause gehen", freut er sich. Aber das
war eine Übungssitzung ohne echten Geldeinsatz. Wenn es ernst wird, bleibt ihm zu wünschen, dass er einen
Totalverlust seines Kapitals verschmerzen kann. Es ist doch auffällig, dass die meisten Händler immer noch
Angestellte sind und keine Millionäre.