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Die Woche: Aktionär im Netz
07.05.1999   

Das Internet hat die Aktienlage revolutioniert. Profi-Anleger haben ihren Wissensvorsprung verloren



Die gemütliche Lektüre des "FAZ"-Wirtschaftsteils mit anschließendem Besuch beim Kundenberater der Bank ist längst überholt. Aktien-Anleger, die so agieren, laufen Gefahr immer zu spät zu kommen, wenn die heißen Deals laufen. Weil die modernen Kommunikationsmittel Informationen mit Höchstgeschwindigkeit fließen lassen, werden auch die Reaktionszeiten der Spekulanten immer kürzer. Wer mithalten will, braucht einen Computer mit Internet-Anschluss - um börsenrelevante News abfragen und blitzschnell reagieren zu können. Alle Banken, Nachrichtenagenturen, Börsenbriefe, Finanzinformationsdienste und Investmentgesellschaften stellen Informationen ins Netz. Online bieten die Banken bis zu 130 000 Charts der diversen Papiere, Kurslisten, Fonds-Rankings und Software zur Wertpapieranalyse samt Trend-Kanal und Candlestick Charts.
Da kann der Börsen-Freak morgens um 8.47 Uhr eine brandaktuelle Mitteilung der Creaton AG lesen, pünktlich um 15.23 Uhr sagt ihm der Wall-Street-Vorbericht, womit sieben Minuten später bei der Eröffnung der US-Börse zu rechnen ist, und um 16.20 Uhr erfährt er, dass die Aktie von Sun Microsystems von einem Analysten herabgestuft wurde. Für die Info-Seiten von Consors, der Nummer zwei der Direkt-Broker, berichtet n-tv Jungstar Markus Koch zweimal täglich von der Wall Street. Im firmeneigenen Diskussionsforum "Brokerboard", einem von zahllosen im Internet, tauschen Anleger Meinungen, Infos und Gerüchte aus.
Selbst die Investment-Profis bedienen sich der allgemein zugänglichen Internet-Informationen. Die Kunst besteht nur darin, den Wahrheitsgehalt eines Informationsschnipsels zu erkennen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. wie anfällig das Internet ist und wie sehr das Durcheinander aus seriösen Informationen und Wichtigtuerei in die Irre führen kann, zeigte sich am 7. April. Auf der Finanzseite des Internet-Dienstes Yahoo tauchte kurz vor Börsenbeginn in New York die Nachricht auf, das US-Hightech-Unternehmen Pairgain Technologies sei von der israelischen Firma ECI Telecom für 1,35 Milliarden Dollar (1,27 Milliarden Euro) gekauft worden. Zur Bestätigung wurde auf eine Internet-Seite des hoch seriösen Informationsdienstes Bloomberg verwiesen. Eine direkte Nachricht bei ECI war wegen eines Feiertags in Israel nicht möglich. Der Kurs stieg um über 30 Prozent in weniger als zwei Stunden. Statt durchschnittlich 2 Millionen Pairgain-Aktien wurden an diesem Tag 13,7 Millionen gehandelt. Dumm war nur, dass die Bloomberg-Seite geschickt gefälscht und die Nachricht getürkt war.
Wer aus dem Netz die richtigen Infos gesaugt hat, muss sie adäquat umsetzen. auch das geht inzwischen am schnellsten und preisgünstigsten - wenn auch ohne Beratung durch Bank-Profis - per Mausklick. Der Internet-Handel ist bequem, weil die Aufträge rund um die Uhr aufgegeben und Optionsscheine außerbörslich mitunter sogar bis in den Abend gehandelt werden können. Nahezu alle Banken, besonders intensiv aber die Direktbanken und -Broker bieten ihren Kunden die Möglichkeit, via Internet Wertpapiere zu handeln. In den USA werden nach Schätzungen der Börsenaufsicht bereits 25 Prozent der Aktiengeschäfte erledigt.
Was aus Sicherheitsgründen lange nur im relativ geschlossenen Netz von T-Online möglich war, funktioniert mit de facto gleich hohem Sicherheitsstandard inzwischen auch im allgemein zugänglichen World Wide Web. Der Kunde legitimiert sich mit Geheimzahlen, gibt seine Order auf und beendet das Geschäft mit einer Transaktionsnummer. Dabei versuchen die Handelshäuser ihrer Klientel das Leben so leicht wie möglich zu machen. Geboten werden etwa Gebührenrechner, Depotlisten, Optionsschein-Kalkulatoren, Orderbücher, Umsatzübersichten und ständig aktualisierte Order-Infos. Auch die Börsen kommen den Kleinanlegern inzwischen weit entgegen. Zum 1. Juni wird die Frankfurter Börse als letzter der deutschen Handelsplätze die Mindestschlussgröße für Aktienorders im fortlaufenden Handel auf ein Stück reduzieren. Bislang mussten die Banken bis zu 100 Aufträge ihrer Kunden sammeln, bevor einzelne Papiere gekauft oder verkauft werden konnten. Künftig ist es auch für Kleinanleger möglich, kurzfristig zu ordern.
Durch diese hohe Flexibilität der Börsenplätze (entstanden nicht zuletzt aus der Konkurrenz zum Computerhandelssystem Xetra) ist das so genannte "Intraday-Trading" bei den Profis unter den Amateuren in Mode gekommen. Dabei geht es nicht um die großen Trends, die heißen News, die Kurse machen, sondern um die kleinen Tagesschwankungen, die Unebenheiten zwischen diversen Börsenplätzen. Um 10 Uhr 100 Stück in Stuttgart kaufen, um 11 Uhr in Berlin verkaufen - mit diesem System lassen sich, wenn man Glück hat, selbst mit normalen Aktien, von Optionsscheinen und Futures ganz zu schweigen, innerhalb einer Stunde ein paar Prozent Gewinn machen.
die in den letzten Jahren stark gestiegene Volatilität der Aktien, also das Ausmaß der Kursschwankungen, fördert das System. Dabei hat die mit 145 000 aktiven Internet-Kunden größte deutsche Online-Bank, die Commerzbank-Tochter Comdirect, zur Cebit Home im vergangenen Sommer die letzte Hürde beseitigt. Sie stellte als erstes Geldinstitut den Kunden so genannte Realtime-Kurse kostenlos im Internet zur Verfügung: Statt mit der sonst üblichen 15-minütigen Zeitverzögerung kann man bei der Comdirect-Bank die Kurse für alle in Deutschland gehandelten Wertpapiere minutengenau verfolgen und sofort reagieren. Die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten haben ein für Deutschland völlig neues Business geschaffen. Die Berliner trading-house.net AG hat sich darauf spezialisiert, so genannte "Trading-Rooms" einzurichten, in denen Privatleuten für 1300 Mark (665 Euro) plus Mehrwertsteuer im Monat bei einer Mindesteinlage von 50 000 Mark (25 565 Euro) auf dem Wertpapierkonto die beste Technik zur Verfügung gestellt wird, mit der sie beim Daytrading mithalten können. Die bekommen quasi einen Arbeitsplatz an der Börse - demnächst auch auf Mallorca. Da sitzt dann der Tankwart neben der Friseuse und versucht die minimalen Kursunterschiede von Bund-Future oder Dax-Optionsscheinen innerhalb eines Tages zum eigenen Vorteil zu nutzen - mit dem Risiko des Totalverlusts. Wer nicht genug eigenes Geld hat, dem wird per Wertpapierkredit geholfen. 30 bis 80 Prozent des Kaufs (je nach Wertpapiergattung) werden anstandslos und mit derzeit 5,12 Prozent effektiven Jahreszins günstig von der Comdirect-Bank finanziert, den Rest muss der Kunde selbst beisteuern. Als Sicherheit für die Bank dienen die erworbenen Papiere. Das Risiko bleibt beim Kunden.
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