BROKER FÜR FOREX, CFD, FUTURES & AKTIEN HOME | KONTAKT | WEBSHOW

Der Spiegel


Wie Motorrad fahren

39/1999   

Die Daytrader Wieland Steinich, 39, Eugen Zandmann, 30, und Frank Behrens, 23, über Börse und Gier



Spiegel: Herr Steinich, die Stimmung an den Weltbörsen ist gedrückt, der Dax sinkt fast täglich, und einige Experten warnen sogar vor einem Crash im Oktober - schlechte Zeiten für gute Geschäfte. Wie lief es gestern bei Ihnen?
Steinich: Gut. Das Schöne am Daytrading ist eben, dass man Kursbewegungen in alle Richtungen nutzen kann. Ich habe gleich erkannt, dass der Dax-Future nach unten geht, und habe die Gewinne laufen lassen.
Spiegel: Was haben Sie verdient?
Zandmann: Ich habe gestern wenig gehandelt. Zunächst habe ich darauf spekuliert, dass der Dax hochgeht, aber das war nicht der Fall. Das habe ich aber frühzeitig erkannt und bin mit 250 Mark Gewinn nach Hause gegangen.
Spiegel: Werden Sie nervös, wenn Sie vor dem Bildschirm sitzen und der Kurs sich anders entwickelt als erwartet?
Steinich: In dem Moment, wo ich im Markt bin, stehe ich unter Stress.
Spiegel: Wie schnell reagieren Sie?
Steinich: Ich habe schon in fünf bis zehn Sekunden entschieden: Hey, jetzt liegst du völlig falsch.
Zandmann: Wir haben in unserem Düsseldorfer Trading-Center einen, der seit sechs Monaten nur guckt, wo der kurzfristige Indikator hinzeigt. Der nimmt drei, vier, fünf Punkte mit ...
Spiegel: ... 150 bis 250 Mark ...
Zandmann: ... und geht gleich raus. Er ist noch nicht einmal 15 Sekunden in der Position drin, sondern 5 Sekunden. Das macht er mehrere Male am Tag.
Spiegel: Herr Steinich, Sie sitzen seit März in einem Berliner Tradingsaal. Wie ist Ihre Bilanz?
Steinich: Positiv.
Spiegel: Was war Ihr schlechtester, was Ihr bester Tag?
Steinich: Einmal 2500 Mark Verlust, einmal 7000 Mark Gewinn.
Behrens: Ich handele seit drei Monaten nur auf dem Papier. Ich gucke mir den Markt an, um später wieder einzusteigen.
Spiegel: Sie üben jetzt, weil Sie beim Einstieg ins Daytrading eine Menge Geld verloren haben. Wie viel?
Behrens: Nach zwei Monaten waren 25 000 Mark weg.
Spiegel: Daytrader müssen 50 000 Mark als Sicherheit hinterlegen. Hat bei Ihnen die Bank die Notbremse gezogen?
Behrens: Die Bank und eigene Einsicht.
Spiegel: Wie haben Sie reagiert, als die Verluste einsetzten?
Behrens: Man wird panisch, hektisch, man handelt viel. Ich war eine Zeit lang unter psychischem Druck, weil ich überlegt habe, wie es weitergehen und ob ich aufhören soll.
Spiegel: Warum hören Sie nicht auf? Warum glauben Sie, dass Sie es beim nächsten Mal schaffen werden?
Behrens: Ich mache jetzt seit drei Monaten Probetraining, versuche den Markt kennen zu lernen und bereite mich auf die Börsenhändlerprüfung vor.
Spiegel: Sie waren Angestellter im Öffentlichen Dienst. War Ihnen der Job zu langweilig?
Behrens:Ja. Ich möchte auf jeden Fall in der Börsenbranche bleiben.
Spiegel: Was sagen Sie, wenn Sie heute jemand nach Ihrem Beruf fragt?
Behrens: Dass ich an der Börse handele.
Spiegel: Ein bisschen vage. Warum sagen Daytrader nicht einfach, dass sie Berufsspieler sind?
Steinich: Das ist kein Spiel, das ist harte Arbeit, weil man sich mit Informationen auseinander setzen muss und da sehr vorsichtig, sehr achtsam und sehr genau arbeiten muss. Daytrading ist Präzisionsarbeit, weil man innerhalb von Sekunden die Kursbewegung ausnutzen kann. Da darf man sich keine Fehler erlauben.
Spiegel: Sie handeln hier alle mit dem Dax Future, das heißt, Sie schließen Wetten darüber ab, wie der Deutsche Aktienindex in ein paar Wochen oder Monaten steht. Die einen setzen darauf, dass der Dax steigt, die anderen, dass er fällt.
Zandmann: Das ist keine Wette, das ist eine Prognose. Man hat sich eine Meinung gebildet, die kann richtig oder falsch sein. Diese Meinung ist Ergebnis einer sorgfältigen Analyse.
Steinich: Es gibt Indikatoren. Die sagen mir, welche Erwartungen die anderen Marktteilnehmer haben. Die Regeln funktionieren mit einer Wahrscheinlichkeit von Risiko und Chance. Wenn mein Risiko-Chance-Verhältnis 10 zu 90 ist, heiß das, dass 10 Prozent Risiko da sind. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die 90 eintreten, ist höher als die 10. Also werde ich mich entsprechend positionieren und für den Fall, dass die 10 Prozent eintreten, vorher Maßnahmen treffen.
Spiegel: Stört es Sie, wenn man Ihre Tätigkeit als Zocken bezeichnet?
Steinich: Ja.
Zandmann: Ich bin kein Zocker. Ein Zocker ist derjenige, der glaubt, leicht und schnell Geld verdienen zu können.
Spiegel: Beim Daytrading ist relativ leicht und schnell Geld zu verdienen.
Steinich: Eben nicht. Es ist zwar schnell, aber nicht leicht.
Spiegel: In der Öffentlichkeit gilt Daytrading als unseriös.
Steinich: Wer beinflusst die Öffentlichkeit? Die Medien.
Spiegel: Das Image ergibt sich durch die Tätigkeit. Da sitzen Menschen vor dem Bildschirm, drücken ein paar Tasten und haben in wenigen Sekunden 2000 Mark gewonnen oder verloren.
Zandmann: Was ist daran unseriös? Fragen Sie mal die Deutsche Bank, ob die etwas anderes macht.
Steinich: Die Banken machen im Eigengeschäft dasselbe wie wir.
Spiegel: Der Papst beklagte kürzlich, dass Reichtum heute ohne Bezug zu einer konkreten Arbeit angehäuft wird.
Steinich: Da frage ich die Kirche: können wir uns mal die Anlagestrategien für euer Vermögen anschauen? Spekulation ist der Motor der Wirtschaft, das ist eine Grundregel.
Spiegel: War jemand von Ihnen schon mal im Spielcasino?
Zandmann: Ich.
Spiegel: Wo sehen Sie den Unterschied?
Zandmann: Daytrading ist eine Form der Börsenspekulation. An der Börse zu spekulieren heißt generell, viele Informationen beherrschen und verarbeiten zu können. Zum Daytrading gehört auch viel Disziplin. Das ist ein Unterschied zum Casino, der Kugel können Sie keinen Stopp setzen.
Spiegel: Also sind Gewinn und Verlust nur eine Frage der Disziplin? Haben Sie deshalb verloren, Herr Behrens?
Behrens: Ja. Ich habe zum Beispiel zu lange gewartet, Verluste zu lange gegen mich laufen lassen, Gewinne nie mitgenommen.
Spiegel: Herr Steinich, Sie waren zwölf Jahre lang Immobilienmakler und haben im März den Beruf gewechselt. Verdienen Sie jetzt mehr?
Steinich: Ja, und ich muss nicht mehr klagen, um an meine Provisionen zu kommen. In der Immobilienbranche läuft man bis zu zwei Jahre seinem Geld hinterher. Jetzt wird das Geld gleich auf dem Konto gebucht.
Spiegel: Nach amerikanischen Untersuchungen machen 70 Prozent der Daytrader Verluste. Warum sollten ausgerechnet Sie zu den Gewinnern zählen?
Steinich: Warum nicht? Ich analysiere vorher die Prognose, ich verhalte mich diszipliniert und sage: Mehr Geld wechselt an dem Tag nicht zu mir. Weil beim Daytrading Emotionen eine Rolle spielen, muss ich mir vorher ein klares Limit setzen: bis dahin und nicht weiter.
Spiegel: Meinen Sie mit Emotionen Gier?
Steinich: Gier ist eine Form der Angst, zu wenig zu bekommen. Angst ist ein schlechter Ratgeber an der Börse. Bevor ich überhaupt in die emotionale Phase komme, muss ich Entscheidungen treffen: Wo gehe ich in den Markt, wo gehe ich aus dem Markt? Was kann ich an Verlusten akzeptieren, bei wie viel Prozent Gewinn steige ich aus?
Zandmann: Wer schlecht mit Verlusten fertig werden kann, sollte die Finger vom Daytrading lassen.
Spiegel: Sie arbeiten weiterhin nebenbei noch in Ihrem alten Job als Vermögensverwalter bei einer kleineren Gesellschaft. Ist Ihnen bei Ihrem Arbeitgeber der Aktienhandel nicht aufregend genug?
Zandmann: Das sind zwei verschiedene Dinge wie Auto und Motorrad. Ich spekuliere mit Aktien, das ist wie Auto fahren; Daytrading ist Motorrad fahren.
Spiegel: Motorradfahrer holen sich eher eine blutige Nase.
Zandmann: Daytrading sollte man als einen Bereich der Anlagestrategie betrachten und nur einen Teil des Depots hoch spekulativ anlegen.
Spiegel: Wie viel Prozent?
Zandmann: Nicht mehr als 20 bis 30 Prozent.
Spiegel: Woher nehmen Daytrader ihren Optimismus, dass sie das System beherrschen?
Steinich: Ich halte mich für beherrschbar. Ich will nicht den Markt und auch nicht das System beherrschen, ich will es nutzen.

Interview: Hermann Bott, Frank Hornig
nach oben

Kohle bis zum Abwinken

02.02.99  
(Nur ein Ausschnitt/Teil des Artikels Seite 27)

Die Einführung der Telekom-Aktie war der Anfang - seither verwandelt sich Deutschland von einem Land der Sparer in eins der Aktionäre. Die neuen Anleger treffen nun auch auf den "Neuen Markt", an dem jähe Kurssprünge - nach oben wie nach unten - zum Tagesgeschäft gehören. ... Mittlerweile hat sich das Geschäft an der Börse in die Wohnzimmer verlagert. Die Broker haben Konkurrenz bekommen. Zahllose Direktbanken laden jeden zur Party ein, der über einen Computer und einen Internet-Anschluß verfügt. Börsendienste wie "Jag notes", die zuvor nur von Insidern abonniert waren, haben einen gewaltigen Umsatzsprung gemacht, seit sie ihren Service im Internet für jedermann zugänglich machten. Und ihre Aktie sprang mit - sie verfünffachte sich kurzfristig.

Der Berliner Rafael Müller, gerade 33 Jahre alt, wollte ursprünglich selbst als Händler sein Geld verdienen. Doch dann hatte er die Idee, die ihm heute störungsfreiere Gewinne beschert - er hilft anderen, Börsengeschäft zu machen. Was als Hinterhofbüro mit zwei Schreibtischen begann, ist inzwischen ein expandierendes Unternehmen. Für seine "Trading House AG" hat Müller die vierte Etage der neuen Berliner Börse angemietet und Terminals aufgestellt, an denen jeder gegen Platzgebühr und Provision seine Börsengeschäfte betreiben kann.

Müllers Betrieb brummt in diesen Nachmittagsstunden. Gerade hat New York eröffnet. Studenten, Hausfrauen, ausgestiegene Friseurinnen sitzen vor den Monitoren, verfolgen die minimalen Kursbewegungen und versuchen, ihnen Gewinne abzutrotzen. Manche haben durchaus diesen erschöpft-gereizten Blick von Zockern, die auf dem Kneipenschemel vor dem Automaten auf die goldene Sieben warten.

Doch anders als beim Glücksspiel lassen sich Chancen und Gewinnverläufe hier kalkulieren. "Trading House" bietet Chart-Programme und Info-Services zu Einzelwerten, und natürlich arbeiten seine Computer, die direkt am Börsen-Zentralrechner angeschlossen sind, ohne jede Zeitverzögerung - Profi-Equipment. Müller: "Das Geschäft ist eindeutig demokratisiert." Früher waren es die Händler im Parkett, die den Markt bewegten, "heute kann jeder mitmischen."

Das Unternehmen expandiert. Gegenüber hat Müller eine neue Terminal-Galerie eröffnet - die meisten Plätze sind bereits ausgebucht. "Bald sind wir in jeder großen deutschen Stadt vertreten, die Leute sind wie verrückt auf Börsengeschäfte."

Aus dem Wertpapierhandel hat sich Müller längst zurückgezogen. "Mein Geschäft läßt mir einfach keine Zeit mehr dazu." Dafür hat er sein Unternehmen gleich als Aktiengesellschaft aufgezogen, denn es gibt nur eines, was schöner ist, als Aktien zu kaufen - eigene zu verkaufen. Anfang nächsten Jahres will er den Börsengang antreten. Spätestens dann wird er sich wieder persönlich um Aktien-Notierungen an der Börse kümmern, und zwar um die seiner eigenen Firma.

Rafael Müller - jung, freundlich und reich. Er hat es tatsächlich geschafft. Als ich ihn frage, ob er Millionär ist, lächelt er nachsichtig. "Übrigens", wirft er ein, "bieten wir Schulungskurse und Trainingsprogramme für Quereinsteiger an." Und nach einem zweiten Seitenblick setzt er hinzu: "Kostenlos".

Na bitte, Showtime. Zeit für das ganz große Gummiband!

Matthias Matussek, 45, ist SPIEGEL-Reporter in Berlin.
nach oben

"tobende Dummköpfe"

02.02.1999   
Kleinanleger haben die Standleitung zur Börse entdeckt. Daytrading kommt auch in Deutschland in Mode. Die neuen Zocker handeln in Sekunden - die Risiken sind gewaltig.
Waschen, legen und fönen sind für Christa Vergangenheit. Nach 30 Berufsjahren quittierte die Friseuse Christa Toulemonde-Miserra ("Mein zweiter Name kommt vom ersten Mann, der erste vom zweiten") den Dienst in einem Berliner Friseursalon.

Statt mit Kamm und Schere hantiert die 52-jährige jetzt mit dem Bund-Future. Was das genau ist, weiß sie eigentlich kaum. Nur eins interessiert sie: Gehen die Kurse runter oder rauf?

Schwarze Hose, dunkler Rolli, kurze Haare: Frau Toulemonde konzentriert sich aufs Wesentliche. Am Bildschirm sind das die Charts, Unterstützungslinien, rote und grüne Zahlen. Von 8 bis 19 Uhr folgt sie schweigsam den drei, vier Kennziffern. Kein Broker, kein Telefon, keine Termine. "Ich finde das angenehm", sagt sie, die das ewige Geplauder mit ihren Kunden satt hatte und nun endlich "ohne große Mühe" Geld verdienen will.

1000 Mark hat sie gleich an ihrem ersten Handelstag gewonnen, nur leider ist ihr, trotz großer Mühe, das Geld am nächsten Tag schon wieder zerronnen. Nach zwei Wochen und ein paar schlechten Tagen verdient sie jetzt, laut eigener Aussage, täglich 1000 bis 2000 Mark; "ich bin überglücklich", sagt sie.

Die Berlinerin gehört zu einer neuen Generation von Anlegern, die an der Börse handeln wie die Profis - sekundenschnell reagieren sie auf kleinsten Schwankungen. Egal ob runter oder rauf, sie versuchen, dem Trend zu folgen und in Minutenschnelle Kasse zu machen.

"Daytrader" heißen solche Leute in den USA. Sie haben sich unabhängig gemacht von ihren Brokern und Anlageberatern, profitieren lieber selbst von den raschen Sprüngen der Märkte. Selten halten sie ein Investment länger als Minuten, mal eine Stunde, niemals über Nacht. In eigens für sie eingerichteten Handelscentern versammeln sich die Zocker, verfolgen in Echtzeit die Kurse und gehen per Mausklick in den Markt.

Am liebsten handeln die Daytrader mit Futures und Optionen, also Wetten auf die künftige Entwicklung bestimmter Märkte oder Aktien. Kleiner Einsatz und große Hebelwirkung bestimmen das hochriskante Geschäft. An der New Yorker High-Tech-Börse Nasdaq werden schon 15 Prozent des US-Marktes durch Daytrader bewegt.

Die schnellen Geschäfte waren deutschen Kleinanlegern bisher verwehrt. Mit zeitverzögerten Kursen und horrenden Gebühren versperrten die Banken den direkten Zugang zur Börse.

Nun wollen noch bis zum Sommer viele Direktbanken den Echtzeithandel übers Internet ermöglichen. Der Discount-Broker Consors und Fimatex, eine Tochter der französischen Großbank Société Générale die schon vorprescht. Auch über Systemanbieter Interactive Brokers, der mit dem Frankfurter Finanzdienstleister Carl Kliem zusammenarbeitet, ist der Direkthandel möglich. Allein bei Consors sind zehn Prozent der rund 100 000 Kunden als Daytrader tätig.

Auch die ersten Handelsräume sind bereits am Start. Rafael Müller, 33, hat sein Berliner Trading-Center im November eröffnet - nachdem er im SPIEGEL über Daytrader in den USA (15/1998) gelesen hatte. Seine erste Kundin: Christa Toulemonde - in Müllers Trading House AG handelt sie ihren Bund-Future.

1300 Mark zahlt die ehemalige Friseurin für ihren Arbeitsplatz im Monat, dafür ist sie per Computer und Internet direkt an die Börse angeschlossen. Ein Glaskasten in Garagengröße auf einem Büroflur im Berliner Ludwig-Erhard-Haus dient als Handelsraum. 8 Arbeitsplätze, 24 Monitore, TV-Geräte mit Börsennews auf 30 Quadratmetern --das reicht schon, um die Privatzocker mit denen gleichzustellen, die ein paar Stockwerke tiefer im selben Gebäude ein Geschäft der Vergangenheit betreiben: die Händler der Regionalbörse Berlin.

Oben im Trading-Center wächst den Etablierten eine bisher noch bescheidene Konkurrenz heran. Dieter Hemken etwa handelt seit drei Monaten zur Probe am Bildschirm; von April an will er seinen Lebensunterhalt damit verdienen. In seinem Zahntechnikerjob sah der 36jährige keine Zukunft mehr - "wegen der ständigen Gesundheitsreformen", sagt er.

Stefan, 25, wollte schneller ran ans große Geld. Der Student und sein Kumpel, ein Schichtarbeiter, haben sich 50 000 Mark zusammengeliehen. Schon am ersten Tag im Handelsraum planten sie den Kaltstart. Die beiden wurden vom Leiter des Centers erst mal zur Trockenübung verpflichtet. An einer Bauchlandung kann der Betreiber des Handelsraumes kein Interesse haben.

Das Vorbild Amerika hat den Firmengründer fasziniert. "Rafael S. Müller" steht oben auf seiner Visitenkarte, "Chairman C.E.O." gleich darunter. Noch als Jurastudent war Müller den Profis der Investmentbank Merrill Lynch aufgefallen, so erfolgreich, sagt er, habe er sein Vermögen verwaltet. Die Banker engagierten ihn als Händler, Müller brach sein Studium ab.

Mit seiner Firma arbeitet "Chairman, C.E.O." jetzt wider auf eigene Rechnung. Einen zweiten Handelsraum in Berlin hat er gerade hinzugemietet, bald eröffnet eine Filiale in Hamburg.

Noch verdient Müller mehr durchs eigene Zocken als durch die Platzmiete der Daytrader. Doch seine Pläne sind gewaltig. Für den Herbst plant der Firmengründer einen Handelsraum auf Mallorca, "da lebt unsere Zielgruppe", sagt er. Filialleiter dort soll ein Berliner Tankstellenpächter werden. Der hat vom Spritgeschäft genug, handelt jetzt schon in Müllers Center und will im Spätsommer nach Mallorca übersiedeln. Gelangweilte Finca-Bewohner können dann bei ihm auftanken: Es locken Nervenkitzel und Gewinnchancen.

Wer lieber in Deutschland Profi spielt, den wollen Müller und seine Kollegin Melanie Epp bald ganz real aufs Berliner Börsenparkett schicken. Mit dort zugelassenen Brokern verhandelt der Firmenchef derzeit schon um Handelsplätze direkt am Parkettring. "Die Präsenzbörse stirbt sowieso aus", weiß der Ex-Banker, "da können wir einspringen und unseren Kunden vorher noch mal die alte Börsenatmosphäre verkaufen."

Von Nostalgie will sein Konkurrent Marco Sibillino nichts wissen. Mit seiner Unity Finance AG hat sich der 35jährige mit seinem Bruder Christian im vorigen Sommer auf einer nüchternen Büroetage nahe Karlsruhe niedergelassen - im Business Center Ettlingen, direkt an der A5.

Über hundert Kunden konnte er seither akquirieren, viele von ihnen haben monatelang in Sibillinos Trading-Center geübt, bevor sie ihr System zu Hause aufbauten. So wie Andreas Keller aus Waiblingen bei Stuttgart, den sein Job als Groß- und Einzelhandelskaufmann für Ziegel und Dachpappen schon 23 Jahren mächtig langweilte. Also gründete er einen eigenen Dachdeckerbetrieb.

Fünf Jahre später ist Keller wieder nicht ausgelastet, vor allem im Winter. Dax statt Dachrinnen heißt daher sein neues Motto. Damit er das Futuregeschäft besser versteht, nahm sich Keller eigens für sechs Monate eine Wohnung in Karlsruhe, um bei Unity Finance zu Trainieren.

In Zukunft würden Handelsräume wie in den USA auch hier "wie Pilze aus dem Boden schießen", prophezeit Sibillino. Der Bedarf an Beratung, Gemeinschaft und Informationsaustausch bei jungen Tradern sei enorm. Andreas Keller zum Beispiel könnte einiges weitergeben - nachdem er in seiner ersten Handelswoche gleich 30 000 Mark verspielt hat.

Dabei mangelt es dem Nachwuchsspekulanten nicht an theoretischen Kenntnissen. Mit der Fünf-Wellen-Theorie nach Elliott etwa oder mit der Kopf-Schulter-Formation, glaubt Keller, sei zu berechnen, wie sich ein Trend verhält.

Beliebt bei Zockern sind auch "candlesticks": Mit den Kerzencharts, weiß Keller, wurden schon vor 200 Jahren die Reispreise ermittelt. Neuzeitliche Kerzen auf seinem Bildschirm zeigen Anfangs- und Schlußkurs sowie Höchst- und Tiefstand eines Wertes für den Zeitraum von nur einer Minute. Den meisten Tradern reichen ein paar Charts. Börsennews und -gerüchte interessieren sie nicht. Sie haben den Tagestrend im Auge und spekulieren auf die nächsten Minuten. Steigen die Umsätze eines Wertes, werden sie sofort aktiv. Manche Daytrader schwören auf den Ross-Haken. Dessen Erfinder, Joe Ross, kann für seine Methode zwar auch keine Garantie abgeben. Aber eines weiß der Ratgeberautor ganz sicher: "Scharfsinnige Geschäftsmänner", schreibt Ross, würden an den Futuresbörsen zu "kopflosen Spielern", besonnene Manager handelten wie "hysterische und tobende Dummköpfe".

Nur 40 Prozent der schnellen Händler sind nach einem Jahr noch am Markt, berichtet der Daytrading-Firma All-Tech aus den USA; gerade mal einer von zehn kommt durch, glaubt man amerikanischen Börsenexperten. Schon schlägt die US-Börsenaufsicht Alarm, etwa wenn Anbieter allzu leichtfertig werben, das Trading sei "das beste Entertainment seit Einführung des Fernsehens".

Die Tagesspekulanten in den USA freilich lassen sich von solchen Mahnungen nicht bremsen. Gigantische Kurssprünge, wie bei den Internet-Aktien, gehen zu großen Teilen auf sie zurück. Schon ein Viertel aller Aktien-Orders in den USA, so die Schätzung der Börsenaufsicht, läuft online. Niemals seit den zwanziger Jahren, schreibt die "Financial Times", "waren Aktionäre so besessen, im Markt mitzumischen".

Mit der neuen Börseneuphorie kehrt auch die Dekadenz der achtziger jahre zurück, als Buchautor Tom Wolfe in seinem Wall-Street-Bestseller "Fegefeuer der Eitelkeiten" die Angebersitten der Finanzgemeinde enthüllte.

So ein bißchen wollen sich auch die neuen Spekulanten als "Master of the Universe" fühlen. Deshalb hat der Chef des Berliner Centers in seinem Händlerraum auch einen dicken roten amerikanischen Kühlschrank plaziert - gefüllt mit Champagner, Cola und Zigarren.

Frank Hornig
nach oben