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Das Magazin: Fang den Dax
01/2000   
Wer heute richtig viel Geld verdienen will, muss unter die Daytrader gehen, denken immer mehr Menschen wie du und ich und steigen in den Börsenhandel ein, der seine Tücken hat.
Montagmorgen in Berlin. Dichtes Schneetreiben und scheußliche Kälte. Schlecht gelaunt hasten die Leute die Friedrichstraße entlang. Freiwillig geht heute keiner vor die Tür. Im dritten Stock über dem schicken französischen Laden Galeries Lafayette herrscht angenehme Wärme. Hier haben sich jede Menge Freiwillige eingefunden: Sechs Männer und drei Frauen aus allen Richtungen Deutschlands. Sie wollen etwas über Daytrading lernen, mit Tageshandel würde man es wohl ins Deutsche übersetzen. Rasend viel Geld soll man damit verdienen können und direkten Kontakt zur Börse haben.
In Deutschland hat das Börsenfieber mit der Telekom-Aktie angefangen, weil das die erste Aktie war, die stark vermarktet und beworben wurde. Das war ja vorher nicht der Fall, dass für eine Aktie geworben wurde. Wer kommt schon auf so eine Idee. Für Butter macht man Werbung, aber doch nicht für Aktien. Erst einmal lernen sie Marcel Amamoo kennen. Der Deutsch-Amerikaner trägt ein dunkelblaues Hemd, einen leicht glänzenden Anzug und eine bunt gemusterte Krawatte. Erwird die kleine Gruppe in den nächsten zwei Tagen begleiten und ihr alles über Daytrading erklären. "Alles klar", sagt Amamoo fortwährend, und wenn er ein englisches Wort benutzt, was nicht zu vermeiden ist, wenn man über die Börse reden will, dann spricht er es so guttural aus, dass man fast nichts versteht. "Clearing House", sagt er und meint Carl Kliem, die Bank, mit der das Unternehmen zusammenarbeitet. "Chartsystem" gluckst es aus der Tiefe seiner Kehle und beschreibt das Computerprogramm, mit dem ein Daytrader arbeitet. Am besten ist es, wenn man schon vor der Schulung weiß, worum es hier eigentlich geht.
Dabei ist es relativ leicht zu erklären: Daytrader nutzen die täglichen Schwankungen von Aktienwerten oder dem Deutschen Aktien-Index dem Dax. Sie schließen eine Wette darauf ab, ob der Dax sinkt oder steigt, machen einen sogenannten Options- oder Futureshandel. Wenn sie recht behalten, gewinnen sie bei ihrem Einsatz, wenn nicht, müssen sie - wie bei jedem fairen Handel -draufzahlen. Da der Dax sich ungeheuer schnell und meist mehrfach während des Tages verändert, halten Daytrader immer nur kurze Zeit an ihrer Behauptung, ihrem Geschäft fest und steigen sofort wieder aus. Mal sind es nur fünfzehn Minuten, mal zwei Stunden, mal ein ganzer Tag. Aber die eiserne Regel ist: Behalte nie eine Option über Nacht. Dabei kann man nur verlieren. So einfach sieht Daytrading nur auf den ersten Blick aus. Wie alle Geschäfte, hat auch dieses sehr komplexe Zusammenhänge und Hintergründe, denn alle Aktionen und Reaktionen an der Börse hängen mit unterschiedlichsten politischen und sozialen Veränderungen weltweit zusammen. Ja, sie haben sogar mit Pessimismus und Optimismus zu tun, also ganz gewöhnlichen menschlichen Stimmungen. Aber die Anforderungen, die der Optionshandel an den einzelnen stellt, sind leicht nachvollziehbar- und in jedem Fall übt er eine ungeheure Faszination aus. Diese Faszination hat Rafael Müller erkannt. Der Dreiunddreißigjährige ist groß, schlank und verbreitet immer eine gewisse Dynamik, wenn er den Raum betritt. Kein Wunder. Müller ist einer der erfolgreichsten Börsenspezialisten Deutschlands. Schon während seines Jurastudiums war er den Beratern von Merrill Lynch aufgefallen, weil er so erfolgreich sein Vermögen verwaltete. Die amerikanische Investmentbank engagierte ihn als Börsenhändler, und er hängte das Studium vorerst an den Nagel. Bald nahm er wieder seinen Hut und gründete eine eigene Firma in Berlin. Jetzt stellt er Daytradern Computer und Bildschirme zur Verfügung, an denen sie die Entwicklung des Dax beobachten können. Mit Hilfe von roten und grünen sogenannten candlestickcharts (Kerzendiagrammen) - rot bedeutet fallend, grün steigend - stellen sie fest, wie die Kurse sich entwickeln. Dank Standleitung zur Börse kann jeder in Sekundenschnelle sein Geschäft realisieren, genauso schnell ein- wie wieder aussteigen.
Seit erst einem Jahr ist Müller mit seiner Dienstleistung auf dem Markt, und - man kann es nicht anders sagen - das Geschäft boomt. Filialen der trading-house.net AG, wie das Unternehmen heißt, gibt es inzwischen in sechs verschiedenen deutschen Städten, allein zwei davon in Berlin. In der Firmenzentrale arbeiten zehn Mitarbeiter. Mitte November wurde eine weitere Zweigstelle in München eröffnet. Im März ist Mallorca an der Reihe. Filialleiter wird ein Tankstellenbesitzer aus dem Berliner Grunewald.
250 Kunden hat die trading-house.net, darunter fünfzehn Frauen. Jeder muss zuerst an der kostenlosen Schulung teilnehmen. Für die Miete im Handelssaal zahlt er dann über tausend Mark im Monat, auf Einjahresverträge gibt es zehn Prozent Rabatt. Zu Beginn ist eine Art Kaution von dreitausend Mark zu hinterlegen. Wesentlich teurer ist der Handel selbst, denn auch die Bank, über die jedes Geschäft läuft und die Einhalt gebietet, wenn der Kunde in der Hitze des Gefechts zu sehr ins Minus rutscht, verlangt ihre Sicherheiten. Mindestens 50 000 Mark muss jeder Daytrader mitbringen, und bei 25 000 Verlust kommt die letzte Warnung. Dann wird das Konto dichtgemacht. Das kann schnell gehen, denn jeder Indexpunkt beim Dax entspricht fünfzig Mark.
Was ist es, was die Menschen trotzdem so verrückt nach Daytrading macht? Da gibt es die nahezu schon legendäre Geschichte von der Berliner Friseurin Christa Toulemond-Miserra - schon der Name klingt so, als sei er erfunden - der ersten Kundin von Rafael Müller, die nach dreißig Jahren Waschen-Legen-Fönen ihren Beruf aufgab und erfolgreiche Daytraderin wurde. Natürlich hat die Berlinerin, wie es Legenden an sich haben, finanziell längst ausgesorgt. Oder die Geschichte von dem 40jährigen Bauunternehmer Max Fink aus Waldshut-Tiengen, der seine 60-Mann-Firma verkauft hat, um von morgens bis abends Daytrading zu betreiben. 2000 Mark möchte er täglich machen oder mindestens 30 000 im Monat, dabei sind Verlustgeschäfte bei Optionshandel programmiert. Die Rede ist auch von Ilona Menzel, der 42jährigen Hausfrau, die zwischen Bügeln und Kochen mal eben ein paar schnelle Aktienhandel abschließt. Seit einem halben Jahr betreibt die Dresdnerin selbst einen Handelsraum in dem Künstler- und Tagträumerviertel Neustadt. Zu DDR-Zeiten befand sich in den Räumen in der Lößnitzstraße eine Lottoannahmestelle. Manche holen sich die Technik auch nach Hause, wie der Mannheimer Wirtschaftsstudent Patrick Wüst, und verdienen trotzdem genug Geld, um die Umkosten wieder wettzumachen. Wüst hat sein Startkapital von 60 000 Mark innerhalb eines Jahres mit Optionsscheinen der Deutschen Bank verdient.
Und alle machen sie dasselbe: Sie starren stundenlang auf die Bildschirme, wie die Katze aufs Mauseloch und harren der Sekunde, in der sie mit einem einzigen Mausklick die Beute des Tages machen. Viele erhoffen sich von Daytrading das schnelle Geld. Sie wollen mitmachen bei den großen Geschäften, von denen in den Börsennachrichten jeden Tag die Rede ist. Durch die in den letzten Jahren zunehmende Volatilität, sprich Dynamik, des Marktes ist Daytrading besonders interessant geworden. Oder sie sind mit ihrem eigenen Job unzufrieden und wollen weniger arbeiten. Die Zeiten, in denen Daytrading möglich ist, reduzieren sich dank begrenzter Börsenöffnungszeiten auf neun bis 17.30 Uhr, beziehungsweise - für den, der sich auf den Handel mit Bund-Future spezialisiert hat - auf sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends, und das natürlich nur werktags. Aber es gibt auch die Geschichte von Dan Gaffney, erfolgreicher Broker bei einer New Yorker Investmentfirma, der aus Spekulationslust sein Haus verpfändete, die Konten seiner Kinder leer räumte, seine sechs Kreditkarten bis zum Limit überzog, zuletzt sogar Kunden anpumpte. Schließlich verließ er das Büro und kam nicht zurück. Nur mit Unterstützung einer Hilfsorganisation für Anonyme Spieler kam er von seiner Sucht wieder los. Oder das Drama um den Amerikaner Mark Barton, der zwölf Menschen erschoss, weil er so hohe Verluste gemacht hatte. Siebzig Prozent der Privatanleger, zeigt eine amerikanische Studie, fahren mit Daytrading Verluste ein. "Wir arbeiten mit Spielzeug, was schnell ist, aber wir können nicht in die Zukunft sehen", warnt auch Schulungsleiter Amamoo. Bei den Banken sind die Zahlen umgekehrt. Hier landen nur dreißig Prozent der Geschäfte mit Options- und Futureshandel im Minus. Was ist es, was die Profis so viel erfolgreicher macht? Amamoo lässt die Kursteilnehmer raten, aber wie immer weiß er es am besten: Erfahrung, Geldmanagement und Psychologie sind seine drei Stichworte. Erstens sind Banker länger im Geschäft, zweitens beherrschen sie die Technik besser, und drittens haben sie die Ruhe weg. Es sei unglaublich, wie stark der Einfluss der Psyche auf Erfolg im Geschäft ist.
Starke Nerven muss der Daytrader haben, nicht durchdrehen, wenn er auf Kursanstieg gesetzt hat, der Dax aber fällt, und rechtzeitig aussteigen, wenn nichts mehr zu holen ist. Ebenso muss jeder lernen, abzubrechen, wenn er genug verdient hat. Fatal ist dabei, dass gerade Instinkte hier zum Verhängnis werden können. Denn der Mensch ist gewöhnlich schlecht im Verlieren. Verlustängste nennen das die Psychologen. Ein Minus ist nun mal negativ besetzt. Schon als Kind wird man dazu angehalten, seine Sachen beisammen zu halten. Es geht um Bewahren, Behalten, nicht zuletzt um Selbsterhaltung. Und wer bricht auf der anderen Seite schon gerne einen Siegeszug ab?
Es geht um Emotionen, um Ereignisse, um Überreaktionen. Vorhersehbar ist alles, nur nicht die Börse. Der Oktobercrash`87 soll ja angeblich ins Rollen gekommen sein, weil jemand erzählt hat, vor Peking sei ein Öltanker gesunken. Der ist nie gesunken. Wir versuchen zur Volksnähe der Börse beizutragen, indem wir sagen, wir geben der Privatperson noch direkten Zugriff, damit sie selber handeln kann. Wir sitzen so nah dran wie nirgendwo anders. Wir sitzen einen Mausklick von der Börse entfernt, und das ist eigentlich eine tolle Chance. Volksnäher geht es nicht.
Also wenn man ganz ehrlich ist, die direkte Assoziation ist Geld, und zwar Geld verdienen und nicht Geld verlieren. Das ist das Ziel aller, die sich an der Börse bewegen. Ich denke nicht, dass Leute darein gehen und sagen, ich fände es klasse, wenn ich ein winziges Stückchen von Siemens hätte. Alle denken, es wäre schön, wenn ich damit ein bisschen Geld verdienen könnte. Und dieser zusätzliche Gewinn, dieses intelligente Spiel, das ist der Reiz und der Klick an der Geschichte.
Börse ist auch irgendwo schick. Sie ist in, wenn man sich die Lifestylemagazine und Frauenzeitschriften anschaut, die uns begleiten wollen. Das macht man jetzt einfach. Die nette, junge, erfolgreiche Frau, die den netten, jungen, erfolgreichen Mann trifft, die unterhalten sich über ihr Portfolio und was sie damit gerade tolles gemacht haben. Das tut man jetzt einfach, es ist gesellschaftlich. Man sieht die unterschiedlichsten Reaktionen. Es gibt Leute, die sitzen schweißgebadet vor dem Computer, ohne irgendeine Taste zu drücken. Da passiert noch gar nichts, und trotzdem ist die Aufregung da. Und es gibt Leute, die das mit einem spielerischen Leichtsinn betreiben, als ob nichts wäre. Es ist verrückt, diesen Spiegel menschlicher Empfindungen zu beobachten. Die Zitate im Text stammen von Melanie Epp von trading-House.net AG. Sie sind Teil eines Interviewprojekts, das der Künstler Henrik Schrat, Stipendiat der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank, zur Zeit verfolgt. Vierzig Personen aus verschiedenen Finanzbereichen wie Aktienhändler, Banker, Wirtschaftsjournalisten, aber auch Rentner und andere Privatpersonen mit Wertpapieren hat er mit einem Fragekatalog zum Thema Börse konfrontiert. Die Antworten münden in ein Comic, das im Frühjahr im Verlag der Kunst Dresden erscheint. Zu dem Projekt gehört eine Installation im Großen Handelssaal der Börse in Frankfurt am Main. Deutschlandweit werden dafür in den kommenden Wochen Bonbonpapierchen gesammelt. Sammelstelle ist die Deutsche Börse AG, Stichwort Bonbon, Börsenplatz 4, 60313 Frankfurt.
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