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Com!online: Die schnelle Mark
01.07.1999   

Vormittags billig kaufen, nachmittags teuer verkaufen - was beim Daytrading früher nur Profis möglich war, können Online-Brokern jetzt auch Kleinanleger



Neun Uhr morgens, Börse Frankfurt: Die Brokat-Aktie eröffnet mit 109 Euro, sinkt dann schnell auf 100 Euro ab. Erst um 14 Uhr geht's wieder steil nach oben auf 105 Euro - ein Wert, den die Aktie bis Börsenschluss hält. Solche Schwankungen binnen eines Tages nutzen Profis schon lange, um innerhalb weniger Minuten ein hübsches Sümmchen zu verdienen. Klein- und Privatanlegern blieb diese Zockerchance dagegen bis vor kurzem verwehrt. Mit dem aus den USA herüberschwappenden Daytrading-Trend ändert sich das aber nun auch in Deutschland. Immer mehr Beiträge in Diskussionsforen drehen sich zur Zeit um das neue Zockerspiel für Spekulanten. Eingeweihte geben Neulingen gern Aufklärung: "Daytrading is nix weiter als morgens um 10 Uhr zu kaufen und mittags wieder zu verkaufen, du nutzt die Volatilität eines Wertes aus. Der schwankt halt am Tag so stark, dass es sich lohnt", informiert Net-User Spoola lapidar im Internet-Forum de.etc.finanz.boerse.
Im Herbst vorigen Jahres hat Ex-Merrill-Lynch-Banker Rafael Müller sein Daytrader-Haus eingerichtet. Das Geschäft der Trading-house.net AG scheint so gut zu laufen, dass er jetzt bereits eine Niederlassung in Hamburg hat - und weitere sollen folgen. "Unsere Kundschaft ist buntgemischt und reicht vom ehemaligen Hausmeister bis zum Börsenhändler", beschreibt Rafael Müller seine Klientel, die sich bei ihm für 1300 Mark im Monat einen Computer-Platz mit Realtime-Kursservice via Internet mietet. Vorbild dafür sind Trading-Center in de USA - Säle mit Direktanschluss vor allem zur High-Tech-Börse Nasdaq. Tradescape.com (www.tradescape.com) und Day Traders Online (www.daytrader.com) gehören beispielsweise zu diesen Einrichtungen. Wer in eine Suchmaschine den Begriff "Daytrading" eingibt, findet rasch noch ein halbes Dutzend anderer Zentren. Das System funktioniert allerdings nur, weil die Broker sich mit Minimalgebühren zufrieden geben.
Ob solche Zockerhöhlen hierzulande eine ähnliche Verbreitung finden wie in den USA, bleibt abzuwarten. Denn mittlerweile haben auch die Discount-Broker gemerkt, dass Nachfrage nach Daytrading in Deutschland aufkeimt. Relativ früh ins Geschäft mit den schnellen Orders eingestiegen ist der Nürnberger Discount-Broker Consors (www.consors.de). Eine online aufgegebene Order soll, so der Anspruch bei Consors, binnen 15 bis 60 Sekunden an den Börsenrechner weitergeleitet sein. Liegt die Rückmeldung von Börse oder Makler vor, kann der Börsianer seine Aktien wieder verkaufen. Seit Ende Januar können Anleger bei Consors sogar Daytrading-Geschäfte an der Nasdaq und der New Yorker NYSE abwickeln - Internet macht's möglich. Das Routing des Auftrags an die US-Börsen wird ohne Umwege abgewickelt. Binnen Sekunden bekommt der Anleger die Bestätigung, ob und zu welchem Kurs seine Order ausgeführt wurde. Die Nürnberger kooperieren zu diesem Zweck mit Web Street Securities.
Auch die Bank 24 (www.bank24.de) will Daytrading einführen, momentan sucht der interessierte Kunde allerdings noch vergeblich nach Infos im Web. Erst vor kurzem in die Riege der Discount-Broker für Privatanleger vorgestoßen ist Société-Générale-Tochter Fimatex (www.fimatex.de). Die Frankfurter eröffneten Kleinanlegern den Zugang zur Eurex, der vormaligen Deutschen Terminbörse (DTB). Der Anleger muss zwar dafür erst die internetgestützte Börsen-Software Global Trading System auf seinem Rechner installieren. Dann aber kann er die Kurse von Xetra-Werten und Optionsscheinen in Echtzeit verfolgen und gleich ordern.
Mit einem besonderen Bonbon wartet die Direkt Anlage Bank (www.diraba.de) auf. Die Münchner bieten Privatanlegern an, Dax-30-Werte und Optionsscheine der Citibank 13 Stunden täglich - zwischen 9 und 22 Uhr - außerbörslich in Echtzeit zu handeln. Der Nachfrage-Boom lockt jetzt auch ausländische Banken nach Deutschland. Erst vor kurzem startete die österreichische Volksbank-Direkt.at (www.volksbank-direkt.at) mit Discountbrokering in Deutschland. Die Banker aus Bregenz haben der etablierten Konkurrenz den Kampf angesagt - beim Orderpreis ebenso wie bei der Abwicklung. Sie locken deutsche Anleger mit Daytrading an den wichtigsten Börsenplätzen - sowohl in Deutschland, Österreich, den USA, der Schweiz, Großbritannien und Japan. Das Kalkül der Discountbroker mit Daytrading ist klar: Ihre Ordererlöse steigern die schiere Masse der Orders, selbst wenn sie weniger Geld pro Trade bekommen.
Problem für viele Daytrader sind die Kurse: Schließlich brauchen Privatanleger, die kaufen und kurz darauf verkaufen, Echtzeitkurse. Und in diesem Punkt sieht es in Deutschland noch ziemlich düster aus. Echtzeitkurse sind für Otto Normalverbraucher in der Regel nur gegen beängstigend hohe Gebühren zu bekommen. Eine der meistgestellten Fragen in den Börsenforen ist deswegen auch die nach kostenlosen Realtime-Kursen. Es gibt zwar schon Lösungen wie Rateway (www.rateway.com) von MGH, eine art Satelliten-Modem für den PC, das Echtzeitkurse auf den Bildschirm holt. Das Gerät kostet allerdings einmalig 1290 Mark. Der Privatanleger muss dafür zudem den PC mit TV-Kabel oder Satellitenantenne verbinden.
Weil so selten, sind Echtzeitkurse im Moment noch echtes Wettbewerbsargument für die deutschen Discount-Broker. Als erste ist die Comdirect Anfang März mit kostenlosen Echtzeitkursen vorgeprescht. Noch vor zwei Jahren wäre ein solches Angebot in der deutschen Börsenlandschaft undenkbar gewesen. Aber der Markt verlangt es, und die Bank muss entsprechend reagieren. Will die Comdirect-Konkurrenz nicht abgehängt werden, muss sie zwangsläufig nachziehen. So wird Consors voraussichtlich bereits in einem Monat ebenfalls Echtzeitkurse übers Internet anbieten.
Ein Haken ist allerdings dabei: Echtzeitkurse können bisher jeweils nur Kunden des Brokers abrufen. Nur wer ein Depot bei der Comdirect führt, kann Echtzeitkurse abfragen, und am Anfang auch nur 100. "Mit jeder ausgeführten Order erhöht sich das Kontingent aber um weitere 30 Realtime-Kurse", schreibt die Bank. Zum Vergleich: Bei Neartime gibt es 130.000 Kurse und Charts. Was Echtzeitkurse wert sind, lässt sich anhand eines Vergleichs erkennen: Neuling Volksbank-Direct verlangt für diesen Service eine monatliche Gebühr von 39 Euro, immerhin fast 80 Mark.
Welche Kraft hinter der Daytrading-Entwicklung steckt, lässt sich am besten an der jüngsten Meldung ablesen, dass die High-Tech-Börse Nasdaq bereits in diesem Sommer an vier Tagen pro Woche (Montag bis Donnerstag) die Handelszeiten bis in die Abendstunden hinein ausweiten will. Am 27. Mai stimmten die Broker der Erweiterung grundsätzlich zu, der genaue Zeitplan ist noch in Arbeit. Die treibende Kraft für diese Verlängerung der Handelszeit ist laut Nasdaq-Chef Alfred Berkeley vor allem die Schar von Internet-Daytraders. Und die New York Stock Exchange denkt darüber nach, eine Morgensitzung einzurichten. Der Einfluss der Cyber-Börsianer auf die Wall Street ist jetzt schon unverkennbar. Die Electronic Traders Association schätzt ihre Zahl auf knapp 500.000. In Deutschland hingegen unternehmen die Pioniere erst noch die ersten Schritte auf dem schwierigen Terrain.
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