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Berliner Zeitung


"Ein bisschen wie Roulette"

31.05.1999   

"Ein bisschen wie Roulette" an der Börse
Bei der Trading-house.net AG versuchen sich die deutschen Pioniere des Daytradings



Ulrich Metz überlässt nichts gerne dem Zufall - schließlich ist Sicherheit seine angestammtes Geschäft. Deshalb hat sich der Versicherungsvertreter aus Thüringen auch akribisch auf seinen Start als Daytrader vorbereitet. Um sic für den Direkthandel mit Dax-und Bund-Futures bei der Berliner trading-house.net AG zu wappnen, studierte er sämtliche Dax-Charts des letzten halben Jahres - und sagte jeweils den Handelsauftakt des nächsten Tages voraus. "Zu 60 Prozent lag ich richtig", sagt Ulrich Metz. Das Risiko bliebt trotzdem, weiß Metz: "Was wir hier tun, kommt Roulette manchmal schon sehr nahe."
Der 44jährige gehört zu der ersten Generation deutscher Daytrader, die ihre Aufträge direkt an die deutsch-schweizerische Terminbörse Eurex richten. Sie brauchen dafür keine Zwischenhändler und keine Anlageberater - so sparen sie einen Großteil der üblichen Börsenhandelsgebühren. Ihre Handelsaufträge werden durch die Direktverbindung zur Börse fast sofort ausgeführt - die Verzögerung beträgt genau eine Sekunde.

Deutsche Premiere



Einige Händler verdienen sich auf diese Weise nur ein Zubrot, doch viele bleiben vor den Börsenmonitoren der Berliner Trading-house.net AG hängen und kündigen ihren alten Job. "Am Anfang musste ich schon eine Menge Lehrgeld zahlen", sagt Metz. In der zweiten Woche seiner Daytrading-Laufbahn stand der Thüringer zwar immer noch im Soll, bange ist ihm deshalb aber nicht. "Ich habe mir eine Frist von drei Monaten gesetzt. Dann weiß ich, ob ich es kann."
Mit dem - aus den USA importierten - Konzept, Privatleuten Arbeitsmonitore, Software und den Zugang zum Direkthandel zu vermieten, beschritt trading-house-Chef Rafael Müller im Oktober vergangenen Jahres Neuland. 1300 Mark zahlen die Kunden monatlich für ihren Arbeitsplatz, für jeden Handelsabschluss werden zusätzlich 36 Mark Gebühren fällig. Die meisten der rund 70 Berliner Daytrader handeln Dax-und Bund-Future-Kontrakte. trading-house.net AG hat aber sämtliche Eurex-Produkte, darunter zahlreiche Aktienoptionen, im Angebot. Das Konzept scheint in Berlin aufzugehen. Vor wenigen Wochen eröffnete die Firma im Franchiseverfahren ein zweites Handelshaus in Grunewald. Zum 1. Juli soll in der Fasanenstrasse ein großer Handelsraum mit 70 Plätzen in Betrieb genommen werden. Die Gesamtkapazität wächst dann auf 100 Plätze. Derzeit handeln rund 60 Kunden über die Zugänge der trading-house.net AG, und das nicht nur von den Handelsräumen aus.
" Viele haben sich den Anschluss nach Hause legen lassen", sagt trading-house-Sprecherin Melanie Epp. Auch Ulrich Metz plant, nach seiner sich selbst auferlegten Probezeit, von zuhause aus zu handeln. Trotzdem will er regelmäßig wieder in Berlin mittraden, um die Atmosphäre zu schnuppern". Hier diskutieren die Händler über die Auswirkung der US-Arbeitslosenzahlen auf die Futures oder helfen sich gegenseitig, die Kursverläufe mit Chart-Techniken vorherzusagen. Einige, wie der frühere Immobilienmakler Wieland Steinich, gehören inzwischen zum Mitarbeiterstamm der Trading-house.net AGAG. Noch vor Monaten wusste er kaum etwas über die Geheimnisse der Chartanalyse, jetzt gibt er seine Erfahrungen bei der Interpretation von Bollinger-Bändern oder Candle-Sticks an Neuankömmlinge weiter. " Hier muss sich aber niemand beraten lassen", sagt Steinich. "Am meisten lernen wir hier durch die Fehler, die wir machen." Dass diese nicht zu stark zu Buche schlagen, dafür sorgt ein Sicherheitslimit bei der kontoführenden Bank. Diese verlangt eine Mindesteinlage von 50 000 Mark und sieht Sicherheitssperren vor. Sinkt der Kontostand unter 25 000 Mark, werden keine Orders mehr ausgeführt. Da ein einziger Indexpunkt des Dax-Futures einem Gegenwert von 50 Mark entspricht, kann es schnell zu Tagesverlusten- oder gewinnen von mehreren Tausend Mark kommen. Ulrich Metz tastet sich nur langsam an große Summen heran. Mehr als einen Dax-Future handelt er nie. Sobald er mit einem Kontrakt "im Markt ist", lässt er die Kurve auf seinem 19-Zoll-Monitor nicht mehr aus den Augen - zieht höchstens mal an der Zigarette. So kann er selbst minimale Kursbewegungen ausnutzen. Außerdem hat er sein eigenes System zur Gefahrenabwehr entwickelt: "Sobald ich einen Adrenalin-Schub verspüre, gehe ich erst einmal eine Runde spazieren." Mit dieser Besonnenheit entsprechen die Berliner Privathändler so gar nicht dem gängigen Daytrader- Klischee aus Übersee. In den USA gelten die rund 400 000 Daytrader als Goldgrube des Online-Zeitalters. Den zumeist 20- bis 30jährigen wird nachgesagt, binnen Sekunden Hunderttausende von Dollar schwere Kontrakte übers Netz zu schieben. Turnschuhe und T-Shirts sind Ausdruck ihrer lässigen und äußerst risikofreudigen Lebenseinstellung. Nicht so in Berlin. Hier starten Friseusen, Gastronomen und Werkzeugmacher vorsichtig eine zweite Karriere. Die "Demokratisierung der Aktienmärkte" wird zumeist von 30 bis 40 Jahre alten Pionieren vorangetrieben, die ihren Einsatz bewusst in Grenzen halten.
Dem trading-house-Geschäft ist diese Vorsicht zuträglich, bleiben die Kunden der Firma doch länger erhalten und regen Müller zu Expansionsplänen an. Erst am Freitag unterzeichnete er zwei Franchiseverträge für neue Niederlassungen in Hamburg und Bremen. "Noch in diesem Jahr soll ein Handelshaus auf Mallorca in Betrieb gehen", sagt Müller. Urlauber können sich allerdings nicht kurzfristig beim Zocken an der Börse versuchen, da die Einrichtung eines Terminals bis zu drei Wochen dauert. Rund einhundert Franchise-Anfragen lägen trading-house.net AG vor. "Mit diesem Ansturm haben wir nicht gerechnet." Verhandlungen über neue Standorte am Gendarmenmarkt und am Potsdamer Platz "sind im Gange". Ab 15. Juni können die trading-house.net Kunden zudem auch Futures auf die amerikanischen Indizes handeln - bis abends um 22 Uhr.

Protokoll
Börsen-Trend: online auf Aktienkurse setzen. Per Mausklick können Day Trader an einem Tag viel Geld gewinnen - oder verlieren. Eine von ihnen: Kate Patterson, 24
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trading-house.net geht an die Börse. Expansion geplant

10.10.2000   
Das Berliner Wertpapierhandelsunternehmen trading-house.net strebt noch in diesem Jahr den Gang an die Börse an. Nachdem die AG im Vorfeld bereits einige ihrer Aktien privat platzierte, ist die Erstnotiz im Frankfurter Freiverkehr für den 27. November geplant, teilte das Unternehmen am Montag mit. Um die Zahl der Aktien zu erhöhen, sei im kommenden Frühjahr die Ausgabe von Gratisaktien im Verhältnis von etwa 1:9 geplant. Dadurch werde nicht nur der optisch hohe Preis von derzeit 68,50 Euro (134 Mark) erheblich reduziert. Auch erhöhe sich die Zahl der Aktien auf mehr als 2,5 Millionen Stück. Dann könne auch in ein anderes Marktsegment gewechselt werden.
Mit dem Erlös werde unter anderem der europaweite Ausbau von Trading-Centern finanziert. Das vor zwei Jahren gestartete Unternehmen bekräftigte seine Pläne für das Direktbankgeschäft. Im kommenden Jahr soll eine eigene Banklizenz beantragt werden. Die Gesellschaft hat sich dazu nach eigenen Angaben bereits den Domainnamen "directbroker.de" gesichert. trading-house.net hatte 1998 das erste Day-Trading-Center in Deutschland eröffnet, in dem Kleinanleger privat per Direktleitung an der Börse handeln. Beim Day Trading machen private Anleger in Sekundenschnelle Börsengeschäfte am Computer per Mausklick..
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